Domestizierter Dschungel

Studentischer Ideenwettbewerb temporäres Festspielzentrum Zürich

Aktuell finden die Zürcher Festspiele statt. Studierende am Institut für Landschaft und Freiraum der Hochschule für Technik Rapperswil erhielten in einem Ideenwettbewerb die Möglichkeit, das temporäre Festspielzentrum auf dem Münsterhof zu gestalten. Gewonnen hat der Entwurf von Nadine Jost und Regula Luder: eine gezähmte Wildnis.

Tina Cieslik Architektur/ Innenarchitektur, Redaktorin TEC21

«Schönheit / Wahnsinn» – das diesjährige Motto der Zürcher Festspiele klingt vielversprechend, nach grossen Drama und unzwinglianischer Leidenschaft. Alle zwei Jahre findet die Veranstaltung jeweils während drei Wochen im Juni statt, getragen wird sie von 31 städtischen Kulturinstitutionen, darunter das Kunst-, das Opern- und das Schauspielhaus Zürich sowie die Tonhalle-Gesellschaft. Das diesjährige Ziel: näher an die Menschen. Folgerichtig sind die Festspiele zum ersten Mal mit einem Festspielzentrum auf dem Münsterhof vertreten.

Bauliches Signet

Für die Gestaltung dieses Zentrums suchten die Veranstalter die Zusammenarbeit mit dem Institut für Landschaft und Freiraum ILF der Hochschule Rapperswil. 21 Studierende im vierten Semester konnten im Frühjahr 2017 in einem Ideenwettbe­werb in Zweierteams ihre Entwürfe für das Festspielzentrum entwickeln. Gesucht war ein Konzept, das ein starkes visuelles Zeichen setzt, den städtischen Kontext integriert, Entwicklungspotenzial besitzt und realisierbar war. Nach der Preisverleihung im Mai 2017 begleitete die Kuratorin der Festspiele, Belén Montoliú, mit Viola Thiel vom ILF die Schärfung des Konzepts durch die Studierenden bis zum Vorprojekt. Ihre Workshops brachten die künstlerische Intentionen der Veranstalter und die praktischen Anforderungen mit der Sicht der Landschaftsarchitekten auf Stadtgefüge und Platz­gestaltung zusammen.

Wahnsinnig pink

Das Rennen machte schliesslich der Entwurf «Jungle Cube» von Nadine Jost und Regula Luder. Sie platzierten einen 5 × 5 × 5 m grossen offenen Würfel auf dem Münsterhof. Darin: Pflanzen, dicht gedrängt, die ganze Breite und Höhe ausnutzend, ein echter Dschungel in der Stadt. Die Installation wirkt wie ein Kunstwerk, das zum Anschauen, nicht zum Berühren gedacht ist. Der Eindruck wird noch verstärkt durch die auf dem Münsterhof verteilten steinernen Sitz­gelegenheiten, die an die Pflastersteine des Bodens erinnern und zum Verweilen einladen.

Der Entwurf bildete die Grundlage für das nun ausgeführte Projekt, das während der Bearbeitung durch die Studierenden und die Hochschule vom «Jungle Cube» zum «Future Forest» avancierte.

Der Kubus ist geblieben, die Installation aber insgesamt raumgreifender geworden – und pinker. Seine heutige zeichenhafte Stärke schöpft der Würfel nebst seiner Farbigkeit aus seiner Unterlage, die ganz wörtlich die Grundlage der Gestaltung bildet: Ein pinker Teppich folgt der ellipsenförmigen Form des Platzes und bildet damit gleichzeitig die Bühne und die Basis für die Installation. Im Innern des begehbaren, aber nun geschlossenen Holzwürfels befindet sich ein Wald – dunkel, eng, dicht und auch ein bisschen feucht und kühl. Aussen sind die Wände pink gestrichen, innen sind sie schwarz. Nur wenig Licht gelangt durch einige runde Öffnungen des Dachs hinein, zwei schmale vertikale Schlitze bilden Ein- und Ausgang – ein starker Gegensatz zum hellen, im Sommer wohl auch heissen Münsterhof. Den Topos des Walds als Ort der Gefahr, aber auch der persönlichen Reifung kennt man aus dem Märchen – hier ist er gezähmt, besitzt klare Grenzen. Doch was, wenn er ausbricht, die Pflanzen anfangen zu wuchern? Der Wahnsinn lauert unter der Oberfläche.

Abfall und Eis

Neben dem Siegerprojekt wurden noch zwei weitere Entwürfe ge­würdigt, beide mit einem eindeutig politischeren Ansatz. «Defectio helvetica» präsentierte eine abstrahierte Landschaft, deren Elemente wie Pflanzen und Hügel nur vermeintlich natürlich sind – tatsächlich bestehen sie aus Abfall.

«Gletschereis» bezog mit einem Hinweis auf den Klimawandel und die Gletscherschmelze Stellung: Ein Eisblock aus einer der zahlreichen Schweizer Gletscherhöhlen, die zu touristischen Zwecken jedes Jahr neu angelegt werden, sollte für drei Wochen auf dem Münsterhof zu stehen kommen – und dort einen langsamen Schmelztod sterben. Grosses Drama, tatsächlich. Aber auch deutlich weniger schön.

3D-Visualisierung des Festspielzentrums auf dem Münsterhof.

«Ein Projekt mit unterschiedlichen Lesarten»

TEC21: Frau Montoliú, wie ist die Zusam­menarbeit mit der Hochschule Rapperswil entstanden? Und warum wählten Sie die Landschaftsarchi­tekten und nicht etwa Architekten oder Szenografen?
Belén Montoliú: Es war uns ein wichtiges Anliegen, die Festspiele zu öffnen, in der Stadt sichtbar zu sein und auch neue Kooperationspartner zu involvieren. So entstand die Idee für ein Festivalzentrum – der Münsterhof erschien aufgrund seiner Lage und mit seiner eindrücklichen Kulisse die per­­­fekte Wahl. Ich komme aus der Bil­denden Kunst, daher war es für mich naheliegend, die Bevölkerung mit einer Kunstinstallation zu adressieren.
Da kam schnell der Gedanke an die Hochschulen auf, Institutionen, die bisher bei den Festspielen nicht involviert waren.
Viola Thiel: Die Landschafts­architekten einzubeziehen ist nahe­liegend: Der Platz wurde 2015 von Vogt Landschaftsarchitekten umgestaltet, ihn zu bespielen ist also ein klassisches Landschaftsarchitekturprojekt – und die Hochschule Rapperswil die einzige Hochschule für die Ausbildung von Landschaftsarchitekten in der Deutschschweiz. Temporäre Interventionen im öffentlichen Raum entstehen oft aus der Lehre, dieser Praxisbezug ist sehr wichtig für die Studierenden.

Frau Thiel, warum ist eine solche Kooperation aus Sicht der Hochschule interessant? Und was war gerade bei dieser Zusammenarbeit speziell?
Thiel: Für die Studierenden istes toll, wenn ein Entwurf tatsächlich umgesetzt wird. So können sie den gesamten Planungsprozess in Echt­zeit verfolgen, vom Entwurf über die konzeptionelle Vertiefung bis zum Vorprojekt und zur Baustellen­leitung. Die Gewinnerinnen waren vor allem in der konzeptionellen Phase stark eingebunden, dann hat unser interdisziplinäres Team vom Institut für Landschaft und Freiraum der Hochschule die Verantwortung für die Realisierung inklusive allem Admi­nistrativen wie Verträgen und Bewilligungen übernommen. Die Studierenden verfolgen die Planungen nun begleitend.
Besonders an dieser Kooperation war zum einen, dass die Studierenden an den Jurysitzungen als stille Beobachter teilnehmen konnten. Diese Chance bietet sich nur selten. Und zum anderen, dass nach dem Wettbewerb eine Vertiefungsphase statt­fand, in der Belén Montoliú in Workshops die künstlerische Sicht und die Anfor­derungen vonseiten der Festspiele in unsere Sicht, also jene der Landschafts­architektur, eingebracht hat.

Warum hat sich der Entwurf «Jungle Cube» durchgesetzt?
Montoliú: Die Installation interpretiert das Festivalthema «Schönheit/Wahnsinn» und ist auf ganz unterschiedliche Arten lesbar. Sie kann die Menschen zum Nachdenken anregen. Schon im Wettbewerb war klar, dass das Projekt eine gewisse Offenheit für Entwicklungen haben muss, und auch die Realisierbarkeit sollte gegeben sein. Zudem werden auf dem Münsterhof vier grosse Veranstaltungen stattfinden, mit dem «Future Forest» als Bühne.
Thiel: Die Studierenden mussten sich überlegen, wie sie dem Platz so viel Aufenthaltsqualität geben können, dass er als Bühne funktioniert. Und sie haben sich mit dem Gegensatz von Künstlichkeit und Natürlichkeit aus­einandergesetzt. Es ging auch darum, einen neuen Blick auf den Ort zu wer­fen; zu sehen, was passiert, wenn man ihn verändert und vor allem auch neue Bilder zu schaffen. In diesem Fall ein starkes Bild für das Festival.

Auszeichnung

1. Rang: «Jungle Cube»
Nadine Jost, Regula Luder
2. Rang: «defectio helvetica»
Flavio Fuchs, Lukas Schmid
3. Rang: «Gletschereis»
Oliver Bärtschi, Sven Klein

Jury

Mark Krieger, Landschaftsarchitekt, Institut für Landschaft und Freiraum ILF; Viola Thiel, Landschaftsarchitektin am ILF; Ilona Schmiel, Intendantin Tonhalle Orchester Zürich; Dr. Ursula Gut-Winterberger, Präsidentin Zürcher Festspielstiftung; Anna Schindler, Direktorin Stadtentwicklung Zürich; Stefan Rotzler, Landschaftsarchitekt, Gockhausen (Vorsitz); Alexander Keil, Geschäftsführer Zürcher Festspielstiftung

Bauherrschaft

Festspiele Zürich

Platzgestaltung /Kunstinstallation

Hochschule für Technik Rapperswil, Institut für Freiraum und Landschaft ILF

Gartenbau

Berger Gartenbau, Kilchberg

Holzbau

Rüegg, Kaltbrunn

Teppich

Tisca Tischhauser, Bühler

3-D-Planung

Raumgleiter, Zürich

Sponsoren

Kanton Zürich, Stadt Zürich, Avina Stiftung, Ernst Göhner Stiftung, Stiftung Erna und Curt Burgauer, Werner H. Spross-Stiftung, Zürcherische Seidenindustrie Gesellschaft

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