Freiraum ist nicht gleich Freiraum

Plätze und Pärke sind die Bühnen des öffentlichen Lebens. Wie wichtig ­öffentliche Freiräume für das Leben in der urbanen ­Gemeinschaft sind und wie vielfältig sie gestaltet und genutzt werden können, waren Themen der Konferenz der SIA-Berufsgruppen und -Sektionen 2016.

Thomas Müller stv. SIA-Geschäftsführer a. i.

Besser konnte der Einstieg ins Thema «Öffentlicher Freiraum» an der diesjährigen Konferenz der Berufsgruppen und Sektionen des SIA vom 28. Oktober gar nicht sein. Bereits auf dem Weg ins Bieler Kongresshaus, Ort der Konferenz, erhielten alle Teilnehmenden einen ersten Eindruck von aktueller Freiraumgestaltung. Man passierte die neu geschaffene, grosse Esplanade vor dem Kongresshaus. Sie weist einen gestockten und dadurch grobkörnig strukturierten Gussasphaltbelag auf. In die Platzfläche sind fünf breite, flache Vertiefungen eingelassen. Sie werden mit Wasser gefüllt und formen grosse «Pfützen». In den glatten Wasser­lachen spiegeln sich die Häuser der Umgebung oder der Himmel, und in der Nacht reflektieren sie die Lichter der Stadt. Sie laden im Sommer zum Spiel mit dem Wasser und im Winter zum Gleiten auf dem Eis ein. 

Mehr als utilitaristischer Begegnungsraum

Mit dieser Platzgestaltung kommt zum Ausdruck, dass Plätze für Barbara Schwickert, erste Referentin und Bau-, Umwelt- und Energiedirektorin der Stadt Biel, nicht nur utilitaristischer Bewegungs- und attraktiver Begegnungsraum, sondern auch Ort der Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum sein sollen. Unterstrichen wird diese Haltung auch durch ein weiteres mutiges Projekt, auf das Barbara Schwickert einen Ausblick ermöglichte. Mit ihm wird gleichfalls auf dem Kongresshausplatz eine rechteckige Parzelle von etwa der Grösse eines halben Fussballfelds eingezäunt. Innerhalb der weissen Umzäunung ist ein Podest installiert, das einlädt dazu, sich hinzusetzen. Dem Zaun fehlt aber ein Tor –  es gibt keinen Eingang. «Darf ich nun rein oder nicht?», werden sich viele fragen. Die Irritation ist bewusst gesucht und lädt das Gespräch über die Kongresshaus-Es­planade noch einmal auf spannende Weise auf.

Das Gespräch im und über den öffentlichen Platz 

Um dem Diskurs über die gesellschaftliche Bedeutung von öffent­lichen Plätzen und deren Relevanz für das städtische Gefüge noch ­eins obendrauf zu setzen, beteiligt sich die Stadt Biel seit Kurzem auch an der Swiss Squares App des SIA. Claudia Schwalfenberg von der SIA-Geschäftsstelle stellte diese vor. Die App thematisiert in verschiedenen Städten der Schweiz Facetten von Plätzen wie Lage, das Zusammenspiel von Baustruktur und Raum­gefüge bis hin zur Nutzung. Mit Text, Bild und Augmented Reality vermittelt der mobile Führer die Historie, thematisiert die Gegenwart und ermöglicht einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen. Damit geht die App bewusst neue Wege, um Baukultur einem breiten Publikum zu vermitteln. 

Raum ist Beziehung

Das Engagement der Stadt Biel durchaus würdigend, warf der Architekturhistoriker Christoph Schläppi in seinem Referat «Die Freiheit des Raumes» aber auch ein paar interessante Fragen zur heutigen Platzgestaltungspraxis auf. Im Umgang mit dem Freiraum im städtischen Kontext erkennt er einmal eine Tendenz zu immer mehr Plätzen. 

Tatsächlich wird man den Eindruck nicht los, dass die von den Städten vielerorts angegangene Verdichtung zu legitimieren versucht wird, indem man gleichzeitig immer noch mehr Plätze und Pärke baut. Schläppi findet, in der Menge schiesse man heute häufig über das Ziel hinaus. Zudem würden die Plätze auch mit immer noch mehr Attraktionen, Begegnungs- und Vergnügungsmobiliar «aufgerüstet». Dieser Überfrachtung steht er kritisch gegenüber. Ist öffentlicher Raum seiner Ansicht nach doch ganz einfach die Beziehung zwischen dem Menschen und dem Ort. In Kon­sequenz würde er sich, wie er es nannte, einen demütigeren und auch einfacheren Umgang mit unseren Plätzen wünschen – z. B. indem die bestehenden öffentlichen Räume im wahrsten Sinn des Wortes einfach aufgeräumt würden. 

Vom Räumen der Räume

Dass das Räumen von Räumen ein Ansatz sein kann – auch dessen scheint sich die Stadt Biel bewusst zu sein. Florence Schmoll, Stadtplanerin in Biel, verdeutlichte das am Beispiel des Quartiers «Gurzelen». Dieses innerstädtische und von einer Vielzahl dispers angelegter Sportanlagen – u. a. dem ehemaligen Fussballstadion – geprägte Stück Biel wird gerade grundlegend umgestaltet. Florence Schmoll nannte es zwar Neuorganisation, doch im Wesent­lichen wird auch hier im Bestand aufgeräumt.

Geplant ist, die Sportanlagen in grossen Teilen ins nord­östlich gelegene Bözingerfeld zu verlagern. Damit entsteht in Gurzelen Platz für neue Bauten wie die Wohnüberbauung «Jardin du Paradis» und ein neues Repräsenta­tionsgebäude der Swatch Group. Ganz auf eine Freiraum­ergänzung verzichten – Christoph Schläppis Votum lässt grüssen – will man aber auch hier nicht. So soll durch Um- und Neuordnung bestehender kleiner Freiräume südlich des Swatch-­Geländes ein weiterer Grünraum entstehen, der «Schüssinsel-Park». 

Von der Theorie zur Praxis

Leider blieb nach den Referaten nur wenig Zeit zur Diskussion, das Spektrum zu öffnen und das Thema auch über den städtischen Platz und Park hinaus zu erörtern. Auch kam die Strasse als elementarer Freiraum zu kurz. Nichtsdestotrotz regten die Referate zur Reflexion über den öffentlichen Raum an.    

Am Nachmittag bot sich dann noch die Gelegenheit, sich über das Gehörte auszutauschen und es am konkreten Beispiel zu überprüfen. Geführte Besichtigungen durch die Freiräume um das Kongresshaus, an die Wasserbausanierung «Schüss­insel», über die Seeuferpromenade und zur Siedlungsentwicklung «Agg­lolac» machten es möglich. So konnte man an der wunderbaren Seeuferpromenade von Biel eins zu eins erleben, was für wichtige und hochgeschätzte Puzzlesteine hochwertige Plätze und Pärke im städtischen Gefüge sind: Guter Freiraum ist nur da, wo er selber und auch die ihn umgebenden Bauten gut gestaltet wurden. Stadt besteht aus der Struktur des Baukörpers und der Textur des Stadtraums. Beides lebt von der Qualität des anderen.

Die Stadt Biel hat die Relevanz dieses Zusammenspiels erfasst, wie Jürg Saager, Leiter Hochbau der Stadt Biel, eindrücklich und an diversen Beispielen am und auch im Park des See­ufers darlegte. Beispiele, wie sie fast ausschliesslich mittels Architekturwettbewerben ermittelt wurden. 

Der Weg des Wettbewerbs

Dass die Stadt Biel den Wettbewerbsweg konsequent geht, ist äusserst lobenswert. Das kommt nicht nur der Seeuferpromenade zugute, sondern – wie gleichfalls von den anderen Besichtigungen zu hören war – sichtlich auch anderen Freiräumen, ja überhaupt der ganzen Stadt Biel. Der gehaltvolle und spannende, von der Berufsgruppe Architektur (BGA) organisierte Tag in der kleinen, aber feinen Stadt lässt darauf hoffen, dass die wichtige ­Debatte über den öffentlichen Freiraum schon bald fortgeführt wird.
 

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