Flower Power

Kolumne

Danielle Fischer Architektur, Redaktorin TEC21

Wenn ich mitten in der Stadt auf meinem Balkon stehe, sehe ich auf die Wiese meiner Nachbarn. Den ganzen Sommer über hielten Leute am Gartenzaun inne, staunten und machten Selfies. So viele kunterbunte Blumen auf einem Fleck hat das Quartier wohl, seitdem es existiert, nicht gesehen. Die Wiese wandelt sich laufend: Farbenfroh und formenreich wie ein Feuerwerk spriessen verschiedene Sorten nacheinander, und überall flattern Schmetterlinge und summen ­Bienen. Der Nachbar meint zwar, der ­Gärtner habe ihm davon abge­raten, ­verschiedene Samenpakete von der Magerwiese über die Claude-Monet-­Klatschmohnmi­schung zu verstreuen – das gebe nur Probleme mit dem Mähen. Aber was sind schon aufwendig angelegte karge Beete, die man zwischen den Feng-Shui-Steinen wöchentlich jäten muss, ­gegen so viel Sinnlichkeit?
Zweimal in der Saison schneiden, das reiche, findet mein Nachbar – und ansonsten hoffen, dass kein Hagelgewitter kommt. Der Hagel ist bis zum Herbst ausgeblieben. Auch wenn die Wiese nun etwas trocken und wesentlich weniger bunt aussieht, hat es sich gelohnt, finde ich. Vielleicht verbreiten sich die Samen, und im nächsten Frühling blüht das ganze Quartier. Das wäre nicht nur einfach und schön, sondern würde auch für viel Gesprächsstoff sorgen.
 

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