Einfache Häuser sind langlebig und ökonomisch

Wie viel Technik braucht ein Gebäude? «Low Tech | No Tech», die SIA-­Tagung in Brugg, suchte nach Antworten und dokumentierte Beispiele ­exzellenter Bauten mit minimierter Technik.

Frank Peter Jäger Redaktor des SIA

Das Haus des Lehmbauexperten Martin Rauch in Vorarl­berg ist ein Extrembeispiel: Errichtet wurde es aus dem Lehm-Mergel-Gemisch, das man direkt am Bauplatz vorfand. Am Rand des Rheintals wuchs das Gebäude wortwörtlich aus der Erde, und die einzige konstruktiv-zivilisatorische Zutat zu dem vorgefundenen Ma­terial war dessen sachkundige Bearbeitung – was hier im Wesentlichen ein mechanisches Verdichten und In-Form-Bringen bedeutete; denn auf ein Fundament aus Beton wurde ebenso verzichtet wie auf eine seitliche Abdichtung des Baukörpers. Moderne Baustoffe kamen nur beim Innenausbau zum Zug. Zur Isolation dient Schilf, und das benötigte Holz stammt von Bäumen unweit des Bauplatzes. Die 45 cm dicken Aussenwände bestehen aus unverputztem Lehm und dürfen «kalkuliert erodieren».

Die mehr als 300 Zuhörerinnen und Zuhörer im Auditorium der FH Nordwestschweiz in Brugg lauschten gebannt der Präsentation von Bauherr Rauch und seinem Architekten Roger Boltshauser, und manch einer wird sich im Stillen gefragt haben: Hält das überhaupt? Kann man so bauen? Doch in die Skepsis mischte sich zunehmend Begeisterung angesichts einer derart konsequenten Reduktion der Mittel. An der von den Berufsgruppen Technik und Architektur gemeinsam initiierten und organisierten Tagung «Low-Tech | No-Tech» ging es um die Frage, wie viel re­spektive wie wenig Technik ein ­Gebäude braucht, um seinem Zweck zu dienen und zukunftsfähig zu sein.

Komplexität tritt in den Raum

Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Eine Resonanz, die belegt, wie stark das Thema den Nerv der Planerinnen und Planer trifft, insbesondere der Architekten. Diese sehen sich mit der wachsenden Bedeutung baulicher Energieeffizienz seit den 1990er-Jahren immer stärker mit einer Technisierung der Architektur konfrontiert, die die Planung dominiert und energetische Effizienzziele verabsolutiert. Aus Häusern werden Energiesparmaschinen. «Wenn ich heute ein Architekturbüro betrete, sehe ich, wie die Architekten zusammenzucken, denn mit mir tritt die Komplexität in den Raum», brachte Berufsgruppenpräsident Jobst Willers die Stimmung süffisant auf den Punkt.

Schlanke Lösungen besser honorieren

Es geht aber nicht allein um Stimmung und die Sehnsucht, wieder Spielraum fürs Essenzielle zu haben. Die Frage, wie viel oder wie wenig technische Ausstattung ins Haus soll, hat einen handfesten berufspolitischen Aspekt: Adrian Altenburger, der den Gebäudetechnik-Studiengang an der HSLU Luzern leitet, erinnerte daran, dass das aktuell häufig verwendete Kostentarifmodell (und damit auch die LHO des SIA) kaum Möglichkeiten bietet, den Planungsaufwand für schlanke Gebäudetechniksysteme adäquat zu honorieren.

Zu klären sei daher, wie die konzeptionelle Arbeit der Fachplaner, die zu tieferen Bau- und Betriebskosten führt, künftig intelligenter honoriert werden könne, z. B. im Sinn einer von den Lebenszykluskosten abhängigen Vergütung für den Gebäudetechniker. Denkbar sei auch eine Bench­mark-Prämienregelung für Planer, die durch schlanke Technik und elegante Gesamtlösungen das Budget des Bauherrn schonen und ihm so helfen, künftige Betriebs- und Wartungskosten zu sparen.

Das Tagungskonzept, die vier gewählten Beispiele stets im Duo vorzustellen, ging auf: Den Anfang machte jeweils der Architekt mit der Vorstellung von Bauaufgabe und Gebäudekonzept; danach stellte der Fachplaner die jeweilige gebäudetechnische Herausforderung und die gefundene Lösung vor.

Viele Wege führen zum Ziel

Dabei zeigt sich, dass niedrig technisierte, dabei ökonomische Ge­bäude auf ganz unterschiedliche Weise entstehen: Bei dem von Baumschlager Eberle Architekten entworfenen Bürogebäude 2226 in Lustenau (ebenfalls Vorarlberg) ist es eine Kombination dicker, speicherungsfähiger Ziegelwände (wärmedämmende Backsteine) mit auf 25 % redu­zierten Fensterflächen, kontrollierter mechanischer Lüftung, baulichem Sonnenschutz und einer Steuerungssoftware, die das Gebäude ohne Heizung und ohne automatisches Kühl- und Lüftungssystem auskommen lassen. Der Name «2226» steht für die angestrebte maximale Tempe­raturschwankung im Gebäude. In den drei Jahren, die das Haus nun steht, waren die Abweichungen von den Berechnungen der Gebäudetechnikplaner minimal.

Der bei einem Wettbewerb erstplatzierte Entwurf von Schneider Studer Primas (Architekten) ­sowie Waldhauser + Hermann (Fachplanung) für das Schulhaus Wall­rüti in Winterthur setze dagegen auf Suffizienz. Augenfälligstes Merkmal des Siegerprojekts ist, dass der Grundriss des dreigeschossigen Schulhauses Verkehrsflächen nahezu eliminiert. Die 28 Klassenzimmer, Lehrerbereiche und Nebenräume bilden einen kompakten Nutzungsteppich, der über einen umlaufenden, durch eine zweite Hülle wettergeschützten Gang erschlossen wird. Dadurch hat jedes Klassenzimmer direkten Zugang zum Aussenraum.

Machen Low-Tech-Gebäudekonzepte den Gebäudetechniker bald überflüssig? Werner Binotto, streitbarer und querdenkerischer Kantonsbaumeister in St. Gallen, ­befürchtet das nicht. Allein für die öffentlichen Bauten des Kantons St. Gallen werde für die kommenden 20 bis 30 Jahre ein Unterhaltsaufwand von rund 800 Mio. Fr. erwartet. Hinzu kommt: Von sieben Gebäuden des Kantons, die in letzter Zeit in Betrieb gegangen seien, laufe die Technik nur bei zweien reibungslos, berichtete Binotto. Die Gebäudetechnikexperten werden also weiterhin viel zu tun haben.

Zugleich zeigten die vier Best-Practice-Beispiele der Tagung, dass gerade bei Low-Tech-Gebäudekonzepten der Fachplaner ein unerlässlicher Partner sein wird – sofern er mit dem Architekten das Ziel einer schlanken, auf Nach­haltigkeit ausgerichteten Gebäudetechnik teilt. «Die einfachen Häuser sind die intelligenten Häuser, sehr viel mehr als die gesteuerten Häuser», so Werner Binottos Überzeugung.
 

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