Eine unbelastende Erbschaft: Industriehalle Lagerplatz Winterthur

Das ehemalige Sulzerareal in Win­ter­thur ist ein städtebauliches Labor für den Umbau eines Industrie­standorts in ein gemischtes Wohn-, Arbeits- und Hochschul­quartier. Die Stiftung Abendrot nutzt darin die Chance, bestehende Werkhallen preisgünstig und effektiv zu erneuern.

Paul Knüsel Umwelt/Energie, Stv. Chefredaktor TEC21

Am Lagerplatz in Winterthur versammelt sich viel Altes und wenig Neues. In diesem Teil des ehemaligen Sulzerareals, der unmittelbar an den Bahngleisen liegt, findet die architektonische Verwandlung mit fast mikrochirurgischer Präzision statt. Die meisten Industrie- und Gewerbehallen sind inzwischen ­umgenutzt und haben, wo nötig, neue Fassaden, Treppenhäuser oder Zwischendecken erhalten; darin angesiedelt hat sich ein Mix aus Handwerk, Design und Architektur. Als wichtiger Ankermieter ist auch die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften präsent. Ihr Architekturstudiengang findet vornehmlich in der einstigen fast 100 Jahre alten Kesselschmiede, einer 120 m langen und 14 m hohen Halle, statt.

Die Anbauten aus den 1940er-Jahren, darunter der Kohleturm, werden nach zweijährigem Umbau nun auch für die Forschung und den Unterricht genutzt. Eigentümerin dieser Immobilie ist die Basler Pensionskasse Stiftung Abendrot. Ziel der Erneuerung war, sich auf einen ressourcenschonenden und kostenbewussten Umgang mit der vorhandenen Bausubstanz zu konzentrieren. Die Verwandlung in ein Multifunktionshaus mit Hörsaal, Schul- und Ausstellungsräumen, Büros, Archiv sowie einer Mensa ist mit dem Einbau zweier zusätzlicher Geschosse und von zwei Treppenanlagen möglich geworden. Sämtliche Tragwerksteile blieben erhalten oder wurden punktuell ergänzt. Die bestehende Infrastruktur wird weiterverwendet; sanitäre Apparaturen stammen aus einer Bauteilbörse.

Es galt, den industriellen Charakter und die räumliche Qualität der Volumen möglichst zu erhalten. Man profitierte unter anderem von der bestehenden ­Betonkonstruktion, deren statische ­Kapazität für zusätzliche Einbauten ­aus­reichend war. Die Verbesserung der Raum­akustik, des Brandschutzes und der Erdbebensicherheit waren weitere wichtige Bedingungen für diese nach­haltige Gebäudetransformation.

Einzig die ästhetische Erscheinung der Aussenhülle hat eine stärkere Ver­änderung ­erfahren. Die Aussenwände mussten architektonisch und energetisch derart angepasst werden, dass Nutzungskomfort und Wärmeschutz den aktuellen Anforderungen mehr als gerecht werden können. Einerseits sind Fensteröffnungen stellenweise erweitert, um natür­liche ­Belichtung und Aussen­bezug zu verbessern. Die eng gerasterte Originalver­glasung ist als innere Fassadenhaut belassen worden. Andererseits wurden sämtliche Aussenwände gedämmt und verkleidet oder verputzt sowie dreifach verglaste Fenster eingesetzt.

Die bau­physikalischen Eingriffe sind allerdings derart wirkungsvoll, dass die erneuerten Anbauten mit einem Minergie-Zertifikat ausgezeichnet werden. Lediglich das fensterlose Lagergeschoss und einzelne gefangene Räume sind mit einer ­mechanischen Belüftung ausge­rüstet; ansonsten wird der Luftwechsel bedarfsorientiert über die automatische Fensterlüftung organisiert. Beheizt wird die ZHAW-Erweiterung mit dem be­stehenden Radiatorsystem. Die Energie dafür stammt aus dem Fernwärmenetz der Stadt Winterthur. 

Am Bau Beteiligte
Bauherrschaft: Stiftung Abendrot, Basel
Architektur: gadolaringli architekten, Zürich mit MS2B, Dübendorf

Gebäude
Typ: Industriehalle mit Baujahr 1924 (Anbauten 1941)
Erneuerung: Umbau, Gebäudehülle, Fensterersatz
Energiebezugsfläche: 3000 m2
Energiekennzahl: 60 kWh/m2 (Minergie-Zertifikat Erneuerung)
Bauzeit: 2016–2018

Der Artikel ist erschienen im Sonderheft «Immobilien und Energie», ein Projekt mit dem Immobilienberatungsunternehmen Wüest Partner und mit Unterstützung von Energie­Schweiz. 

Weitere Beiträge zum Thema haben wir in einem digitalen Dossier zusammengestellt.

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