Ein sprudelndes Märchen

Ladenbau: Flauderei in Appenzell

An der Hauptgasse in Appenzell belebt seit Dezember 2014 die «Flauderei» die lokale Einkaufsszene. Präsentiert werden Produkte der Goba Mineralquelle und Manufaktur – auf sinnliche Weise und ohne Scheu vor Opulenz.
 

Tina Cieslik Architektur/ Innenarchitektur, Redaktorin TEC21

Bauherrschaft
Goba Mineralquelle und Manufaktur

Der Flauder – eine Limonade mit Holunderblüten und Melisse – ist wohl das bekannteste Produkt der Goba Mineral­quelle und Manufaktur aus dem appenzellerischen Gontenbad. 1930 gegründet, erlebte die für Mineralwasser und Kräuterlikör bekannte Firma mit der Übernahme durch Gabriela Manser ab 1999 einen ­Kreativitäts- und Wachstumsschub. Der Flauder war das erste der neu lancierten Produkte und steht bis heute stellvertretend für die Firma. Der Name – abgeleitet von Flickflauder, der appenzellerischen Bezeichnung für Schmetterling – ist so ­poetisch wie programmatisch: Wie ein Schmetterling hatte sich die ­Firma verpuppt und war in ein neues Entwicklungsstadium eingetreten.

Ins Auge sticht vor allem das charakteristische Corporate Design der Produkte: Die märchenhaft-verspiel­te Anmutung verwebt geschickt zeitgenössische Gestaltung mit Motiven appenzellerischer ­Scherenschnitte. Der neue Laden übersetzt diese ­Ästhetik und die ihr zugrunde liegenden Werte – die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und die Verbindung von Tradi­tion und Innovation, Kreativität und Nachhaltigkeit – räumlich in die dritte Dimension.

Eine Illusion von Weite

Die Ausgangslage war indes nicht so spielerisch, wie es die heutige Anmutung des Geschäfts vermuten lässt. Mit einer Tiefe von 32 m, variierenden niedrigen Raumhöhen  und Breiten von nur 3–5.5 m handelte es sich bei dem bis anhin als Metzgerei genutzten Ladenlokal um einen dunklen, unattraktiven Schlauch.
Die mit dem Umbau beauftragte St. Galler Innenarchitektin Doris Fratton machte aus der Not eine Tugend. Als Spaziergang durch die Produktewelt der Manufaktur Goba inszeniert, gliedert sich der Laden heute in sechs Hauptzonen oder Raumkabinette, die Enge und Tiefe des Raums völlig vergessen machen: Auf den mit knapp 25 m2 vergleichsweise geräumigen Eingangs- und Empfangsbereich folgt ein Durchgang zum Herzstück des Ladens: der «Plauderei». Hier an der Bar, die gleichzeitig als Kasse dient, kann degustiert, gekauft und eben geplaudert werden.

Eine Fensterfront zum aussenliegenden Kräutergärtchen bringt natürliches Licht in die Kernzone des Raums. Es folgt ein als Produktgalerie inszenierter weiterer Durchgang, der in den Leseraum am Ende des Ladens führt. Eine Kinderecke zwischen Plauderei und erstem Durchgang – Hommage an die Firmenchefin, eine ehemalige Kindergärterin – rundet das Raumprogramm ab.

So weit, so klug. Was den Laden besonders macht, ist sein Detailreichtum, seine hochwertige Ausstattung und die Konsequenz der thematischen Umsetzung. Da stechen zunächst die opulenten Tapeten ins Auge. Sie zeigen abgestimmt auf die jeweilige Zone farblich und thematisch individualisierte Motive aus der in den Produkten verwendeten Kräuterwelt. Ausnahmen sind die schlicht gehaltene Plauderei und die Leseecke, die ein historischer Stich von Gontenbad ziert.

Diese Bilder werden ergänzt von darüber liegenden Schablonierungen in Siebdruck, die architektonische Elemente wie Säulen, Kapitelle und Unterzüge zitieren. Das Schablonieren ist eine traditionelle Appenzeller Handwerkstechnik zur Dekoration von Möbeln und Holzfassaden. Ein Säulenpaar flankiert jeden Durchgang, die stilisierten Motive ihrer Kapitelle greifen jeweils eines der vier Elemente Luft, Wasser, Feuer und Erde auf. Diese den Raum gliedernden «Säulen» offenbaren bei näherem Hinsehen indes keinen architektonisch-kon­struktiven Aufbau, sondern sind der ebenfalls appenzellerischen Technik der Schmuckherstellung aus Haar entlehnt  –  sozusagen ein Reimport der semperschen Bekleidungstheorie.

… und wenn sie nicht ­gestorben sind …

Neben Seh- und Geschmackssinn spricht der Laden weitere Sinne an: Dezentes Vogelgezwitscher im Hintergrund erweckt den Eindruck, man befinde sich tatsächlich in einem Kräuter- oder Blütengarten. Und die Idee der Manufaktur – hochwertige, von Hand hergestellte Produkte – kommt letztlich auch in der Ausführung der verwendeten Materialien zum Zug: Das geseifte Holz der Einbaumöbel verleitet ebenso zum Anfassen wie die samtene Oberfläche der Vliestapeten.  Mit der Flauderei ist Gestaltern, Handwerkern und Bauhherrschaft ein stimmiges Stück Corporate Architecture gelungen. Man wünscht dem Märchen kein Happy End, sondern viele weitere Abenteuer.

 

Am Umbau Beteiligte

Bauherrschaft
Goba Mineralquelle und Manufaktur, Gontenbad

Architektur
Koller Koster, Appenzell

Konzept/Innenarchitektur
Fratton Raumgestaltung, St. Gallen

Innenraumgestaltung/Grafik
Büro Sequenz, St. Gallen

Tapeten
Jakob Schlaepfer, St. Gallen

Schablonierarbeiten
Kostgeld, St. Gallen

Herstellung Schablonen
Historika Werbetechnik, St. Gallen

Lichtplanung
Luminati, Licht und Raumkonzepte, Trogen

Schreinerarbeiten
Schreinerei Welz, Trogen

Terrazzoboden
Walo Bertschinger St. Gallen, Wittenbach

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