«Digitalisierung ist keine technologische Dampfwalze»

Es wäre fatal, wenn uns demnächst Google das Normenwerk des SIA erklärt. Der künftige SIA-Geschäftsführer spricht über die Stafettenübergabe in Zeiten des Umbruchs, die Demut der Planer und die Brille der Bauherren.

Frank Peter Jäger Redaktor des SIA

PD Dr. sc. nat. Joris Van Wezemael studierte Wirtschaftsgeografie an der Universität Zürich und Architektur­soziologie an der ETH Zürich. Nach einem Forschungsaufenthalt in Grossbritannien leitete er das ETH-Wohnforum und wirkte als Professor für Siedlungsgeografie und Raumentwicklung an der Universität Freiburg. Bis er am 1. Juli 2018 seinen Posten als Geschäftsführer des SIA antritt, leitet er eine Immo­bilien-­Anlagestiftung in der Pensimo-Gruppe. Er lehrt weiter als Privat­dozent an der ETH Zürich.

SIA: Herr Van Wezemael, was reizt Sie an der Aufgabe, ab Juli 2018 den Planerverein SIA zu leiten?
Joris Van Wezemael: Meine Motivation hat sicherlich auch mit dem Zeitpunkt zu tun, an dem ich diese Aufgabe übernehme. Wir erleben gerade bewegte Zeiten – technologisch, wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich ist sehr viel im Umbruch. Ein Verein wie der SIA muss in solchen Zeiten noch intensiver, als es ohnedies der Fall ist, an seine Zukunft denken. Für mich besteht die Aufgabe, die ich im Sommer übernehmen werde, also nicht darin, den SIA zu verwalten. Vielmehr geht es darum, die Welt der Planerinnen und Planer mit Blick auf die Zukunft zu gestalten und auch politisch Themen zu besetzen und Flagge zu zeigen. Schliesslich freue ich mich auf die interdisziplinäre Arbeit. Wenn es diesen gemein­samen Verein von Ingenieuren und Architekten in Gestalt des SIA nicht schon gäbe, dann müsste man ihn dringend gründen.

SIA: Sie sprechen von technologischen Umbrüchen …
Joris Van Wezemael: Diese sind erheblich. Im Zusammenhang mit den sich abzeichnenden technologischen Rupturen werden sich nicht nur die Berufsgruppen wandeln, sondern auch ihr Verhältnis zu­einander. Wir müssen nicht nur Entwicklungen mitvollziehen, sondern vorausgehen – sonst erklärt uns bald Google das SIA-Normenportfolio. Als Berufsverband muss uns daran gelegen sein, dass un­sere Mitglieder nicht von der Digitalisierung überrascht werden, sondern Oberwasser behalten und ihre Gestaltungs­fähigkeit wie auch ihre Wertschöpfungs- und Verdienstmöglichkeiten sichern können.

SIA: Welche spezifischen Erfahrungen bringen Sie für Ihre neue Aufgabe mit?
Joris Van Wezemael: Eine zentrale Frage scheint mir das Verhältnis zwischen SIA und Hochschulen zu sein. Mit diesen gemeinsam gilt es, die Studiengänge bestmöglich auf die Praxis abzustimmen und so den notwendi­gen Nachwuchs sicher­zustellen. Für diese Arbeit ist es hilfreich, dass ich an der ETH tätig war und bin und mit weiteren Hochschu­len im In- und Ausland vernetzt bin. Daneben nimmt die Weiter- und Zweitausbildung ein immer grösse­res Gewicht ein. Hier kann der SIA wesentliche Beiträge liefern.

SIA: Als Geschäftsführer einer Anlagestiftung in der Pensimo-Gruppe hatten Sie zuletzt die Brille der Auftraggeberseite auf …    
Joris Van Wezemael: Man kann Planungsmärkte nur begreifen, wenn man ein Auge für die Nachfrage und eines für das Angebot hat. Als Bauherr hatte ich mit ganz unterschiedlichen Plane­rinnen und Planern zu tun, stellte aber immer wieder fest, dass die Interessen der Planer und jene der Bauherren an bestimmten Punkten systematisch auseinander­laufen. Die gegenwärtige Kritik der Wettbewerbskommission WEKO an den LHO entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine his­torische Chance. Der SIA kann auf Dauer nicht glaubwürdig für Nachhaltigkeit plädieren und zu­gleich an einem System festhalten, bei dem die Honorierung der Planer systemisch mit den Kosten des Bauherren ansteigen.

SIA: Was muss sich ändern?
Joris Van Wezemael: Viel mehr Beachtung gebührt gemeinsamen Anliegen von Planern und Bauherren – wie einfachen und wartungsarmen Gebäudetechniksystemen, der Bereitstellung günstiger Flächen für Gewerbe und Wohnen oder der auf beiden Seiten des Markts stiefmütterlich behandelten Phase des Betriebs eines Gebäudes, also Denken in Lebenszyklen.

SIA: Worin sehen Sie in der kommenden Dekade die grössten Herausforderungen für die Planungsbranche – und den SIA?
Joris Van Wezemael: Der schon greifbare tech­no­logische Umbruch wird uns die nächsten Jahre stark beschäftigen; noch hat er seinen Höhepunkt nicht erreicht. Ich bin aber keineswegs der Ansicht, dass die Ver­änderung wie eine technologische Dampfwalze daherkommt.
Die Haltung vieler Planender diesbezüglich ist mir zu defensiv. Wichtig ist, dass man die Prozesse der Digitalisierung ver­steht, damit man sie mitgestalten und an den Mehrwerten par­tizipieren kann. BIM ist eine Technologie aus den 1980er-Jahren, vor der wir keine Angst haben müssen. Die Frage sollte eher sein, wie wir mit BIM 4-D (Zeitdimension) und BIM 5-D (Kostendimension) echten Mehrwert für Bauherren schaffen, den diese auch zu bezahlen bereit sind. Kurzum: Wir als Planer müssen die technologischen Umbrüche der Digitalisierung so gestalten, dass sich daraus neue, span­nende Erwerbsfelder ­entwickeln.

SIA: Was bedeutet das für das Normenwesen?
Joris Van Wezemael: Das Normenwesen sollten wir als Sandkasten, als eine Art Experimentierfeld verstehen, um SIA-intern Digitalisierungskompetenz aufzubauen und so der Branche als Fahnenträger vor­anzugehen. Es geht u. a. um die Verbindung des Normenwesens mit Formen des Maschinenlernens.

SIA: Ist es zeitgemäss, dass der SIA parallel zu den europäischen Normen ein eigenes Normenwerk unterhält? Oder ist es Zeit für eine stärkere Integration?
Joris Van Wezemael: Ich wäre unter keinen Umständen bereit, Kompromisse zu machen bei der Qualität der Normen. Gleichzeitig bin ich ein klarer Gegner jeder Art von Abschottung. Die europäischen Normeninstitutionen können vom Schweizer Normenschaffen lernen. Sie sind umgekehrt ein wichtiger Partner für uns mit Blick auf Schweizer Planerleistungen in der EU und also eine stärkere Integration der Märkte. Was wir nicht brauchen, ist eine Art Agrarpolitik für Planer.

SIA: Sollte sich der SIA das Thema Kulturerbe noch aktiver zu eigen machen?
Joris Van Wezemael: Vor allem integrativer, denn für mich ist dieses Thema eng mit der Notwendigkeit zur Dorf- und Stadtentwicklung nach innen verknüpft. Indem wir nämlich beim Bauen im Bestand lernen, mit dem Vorgefundenen respektvoll umzugehen. Es braucht also Aufmerksamkeit und eine gewisse Demut der Planer und Architekten angesichts der vorhandenen Bauten, Stadtbilder, Zeitschichten und Erinnerungsspuren. Der Planer ist also nicht länger derjenige, «der die Welt baut», sondern jemand, der das Erbe weiterentwickelt und an dem partizipiert, was bereits da ist.

SIA: Sie sind Wirtschaftsgeograf und haben in Grossbritannien Town Planning studiert. Möchten Sie das raumplanerische Engagement des SIA stärken?
Joris Van Wezemael: Sehr gern, denn Raum­entwicklung ist ein strategisches und politisches Feld geworden. Ich finde es höchst erfreulich, dass die Raumplanung in den letz­ten 15 Jahren von einem peripheren, vermeintlich trockenen Thema so stark in die öffentliche Debatte gerückt ist. Bei Licht betrachtet sind die Aufteilung und das Selbst­verständnis unserer plane­rischen Disziplinen nicht logisch, sondern vor allem historisch determiniert. Daher müssen wir stärker als bis­her lernen, auf unterschied­lichen Massstabsebenen der Planung – vom Haus zur Region – zugleich zu denken und Themen des Raums im Dialog zu bearbeiten. In einem solchen Prozess kommt der Raumplanung eine zentrale, zugleich integrative Rolle zu. Raumentwicklung ist für mich daher ohne Frage auch ein Feld der Baukultur.

ARCHIV: Die Ausgaben seit 2013

Abonnieren Zum Archiv