«Die Leute sehen, was mit ihrer Botschaft passiert»

Entwicklungsgebiet Neugasse Zürich

Tina Cieslik Architektur/ Innenarchitektur, Redaktorin TEC21

Tina Cieslik: Herr Emmenegger, was ist Ihre Rolle im Planungsprozess für die Quartiererweiterung Neugasse?

Michael Emmenegger: Ich bin der externe Beauftragte für die Entwicklung dieses Planungsverfahrens – für den Teil, bei dem es um Partizi­pation geht und um den Einbezug der Akteure. Ausserdem bin ich der Moderator der dazugehörigen Veranstaltungen. Mein Team und ich haben das Beteiligungsverfahren konzipiert und zusammen mit dem Planungsteam realisiert. Wir haben die Veranstaltungen dazu vorbereitet, organisiert, durchgeführt, protokolliert und ausgewertet. In Zusammenarbeit mit dem Planungsteam haben wir darauf geachtet, dass die Ergebnisse in die Planungsarbeit einfliessen. Wir waren eine Art Intermediär zwischen den Akteuren, die am Verfahren teil­genommen haben, und den Auftraggebern. Wir sind in diesem Sinn auch als Übersetzer dabei, wobei in diesem Verfahren wir Partizipationsbegleiter und das Planerteam, aber auch die Disziplinen, zunehmend miteinander verschmolzen.

Wie sah das Beteiligungsverfahren konkret aus?

Im März 2017 fanden drei öffentliche Grossgruppenveranstaltungen innerhalb von zehn Tagen statt. Im ersten Workshop sammelten wir die An­forderungen an die Quartiererweiterung auf dem Areal Neugasse. Im anschliessenden ersten Zwischenschritt werteten wir die Anforderungen aus und formulierten daraus vier Entwicklungsrichtungen. Dann kam der nächste Workshop, die sogenannte Planungswerkstatt. Diese führten wir aus Kapazitätsgründen zweimal durch. An diesen ganztägigen Werkstätten entwarfen die Teil­nehmerinnen und Teilnehmer Modelle für die vier Entwicklungsrichtungen. Dabei konnten sie auch ihre Visionen in 1 : 200-Modellen räumlich um­setzen. Im nächsten Zwischenschritt haben wir Partizipationsbegleiter zusammen mit dem Planerteam die Ergebnisse aus der Werkstatt analysiert, und das Planerteam hat daraus Ent­wicklungsbilder als Diagramme erstellt und die Ideen und Ansätze in den Modellen in einer Bibliothek zusammengefasst. Darauf aufbauend erarbeitete das Planerteam erste konzeptionelle Vorschläge. Diese schärften die Teilnehmenden am dritten Workshop. Anschliessend haben wir uns fünf Wochen Zeit genommen und aus den Kon­zepten und Bildern Varianten entwickelt, die wir am vierten Workshop im Mai zur Diskussion stellten. Mit den Ergebnissen aus diesem Workshop gingen wir bis November 2017 in einen längeren Entwurfsprozess. In diesen wurden auch die externe Fachbegleitung und die städtischen Amtsstellen aktiv einbezogen. Den Entwurf des städtebaulichen Entwicklungskonzepts, der daraus resultierte, haben wir mit den Teilnehmenden am fünften Workshop im November öffentlich diskutiert.
Auch dieses Feedback floss in das Konzept ein, das nun die Grundlage bildet für den Masterplan der SBB für die Stadt Zürich und die daraus resultierenden planungs- und baurechtlichen Vorgaben. 

Rein organisatorisch: Wie schafft man es, das Wissen von rund 200 Leuten in einen Plan zu transferieren? 

Man holt das ganze System in einem Raum: die Entscheidungsträger, jene, die die operative Verantwortung tragen, und jene, die einen Beitrag leisten wollen. Dann teilt man das grosse Ganze in kleine, arbeitsfähige Einheiten auf. Wir arbeiten dabei meist mit Tischgruppen à acht bis zehn Personen. Verschiedene Gruppen erhalten unterschiedliche Aufgaben. Sie haben entweder eine ge­naue Anleitung und moderieren sich selber oder werden durch eine Tischmoderation begleitet.
Wir mischen die Beteiligten meist willkürlich, auch deshalb braucht es im Vorfeld immer eine Analyse der Akteure, und es ist nötig, sich für die Workshops anzumelden. Dann gilt es, die rich­tigen Fragen zu stellen: Fragen, die die Beteiligten beantworten können; die für sie Sinn ergeben und Lust auslösen, sie zu bearbeiten – und die natürlich einen Beitrag leisten, um ein Produkt zu verbessern. Unsere Arbeitsweise setzt voraus, dass die Leute sich als Teil eines Gemeinwesens verstehen und bereit sind, gemeinsam eine Vorstellung zu entwickeln. Wichtig ist, dass sich unterschiedliche Menschen gemeinsam zum selben Thema aus­tauschen und alle Positionen und Ansprüche die gleiche Bedeutung haben. Was als übereinstimmend mitgenommen wird, entscheiden die Teilnehmenden. Sie bewerten und priorisieren auch ihr Ergebnis und sagen, was besonders wichtig ist.

Die Ergebnisse jeder Veranstaltung werden von uns protokolliert und ausgewertet. Aus den Beiträgen der einzelnen Kleinsysteme produzieren wir in mehreren Schritten ein Gesamtbild – ausschliesslich mit den Aussagen der Tischgruppen. Wir achten darauf, dass die Leute in jedem Schritt sehen, was mit ihrer Botschaft passiert. Am jeweils nächsten Workshop zeigen wir, was wir aus den Ergebnissen gemacht haben. Das Planerteam ­präsentiert, wie es die Resultate planerisch weiter­entwickelt hat, anschliessend wird wieder in Gruppen diskutiert. Beim Planungsverfahren Neugasse war besonders, dass wir die ersten drei öffentlichen Grossgruppen-Workshops «Sammeln», «Kreieren» und «Schärfen» innerhalb von nur zehn Tagen durchführten, das Element der Planungswerkstatt – also das eigentliche Stadt­­modellieren – als konkreten Arbeits- und Entwicklungsschritt einbauten und dass die Teilnehmenden die Anforderungen aus den Entwicklungsrichtungen im Modell gebaut haben. Das fanden die Leute super – und wir alle auch. Besonders war auch, mit welcher Energie und auf welch hohem Niveau die Teilnehmenden argumentiert, sich eingebracht und die Synthese kritisch reflektiert haben. 

Die Herausforderung besteht jetzt darin, diesen lebendigen Teilnahmeprozess am Leben zu erhalten. 

In der klassischen Planung findet die Arbeit nach der Leitbild- oder Konzeptphase mehrheitlich zwischen den Grundeigentümern und den Behörden statt. Unser Anspruch – und derjenige der SBB – ist es, diesen planungsrechtlichen Prozess laufen zu lassen, aber parallel dazu den Diskurs weiterzuführen – zum Beispiel über die Ansprüche des Gewerbes, über die Möglichkeiten bei Ausgestaltung und Betrieb von Aussen- und Freiräumen, oder wie man mit Gemeinnützigkeit umgeht. Dies auch, um neben dem städtebaulichen Entwicklungskonzept weitere Grundlagen für die Projektwettbewerbe zu erhalten. Auch danach sollen Zwischenergebnisse laufend diskutiert werden können. Idee dieses Verfahrens ist es ja von Beginn an, eine Basis zu schaffen, um den Raum kontinuierlich weiterzuentwickeln und im Idealfall auch Strukturen aufzubauen, wie sich die Bewohnerinnen und Bewohner des Areals und die Leute, die da arbeiten werden, künftig organisieren und austauschen können. Wir gehen dabei durchaus von dem Bild aus, dass die, die jetzt mitplanen, später auch da wohnen und arbeiten könnten. 
 

Weitere Beiträge aus der Publikation «SBB-Areale: vom Betrieb zur Stadt» finden Sie hier.

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