Städtebauliche Qualität als Investition

Positionen der Baukultur

Die SBB zählen zu den grössten Schweizer Immobilienentwicklern. Ihre Areale an den Bahnhöfen leisten einen Beitrag an die Finanzierung des Bahnsystems. Als Schlüsselprojekte der urbanen Entwicklung sollen sie gleichzeitig den Zielen der Städte entsprechen. SBB Immobilien arbeitet deshalb an ihrer Baukultur. Dazu gehören gute Verfahren, mehr Austausch und ein tieferes Verständnis von Stadt.

Alexander Muhm SBB AG, Immobilien Development, Leiter Development

Giovanni Menghini SBB AG, Leiter Fachstelle für Denkmalpflege

In den strategischen Zielen für die SBB gibt der Bundesrat SBB Immobilien den Auftrag, pro Jahr 150 Mio. Franken Beitragszahlungen an die Bahninfrastruktur und einen Beitrag zur Sanierung der Pensionskasse zu leisten. Um dem gerecht zu werden, haben die SBB den Geschäftsbereich Immobilien zu ihrer vierten Division aufgewertet. Vor rund zehn Jahren begann diese, in bescheidenem Umfang Grundstücke zu entwickeln, die für den Bahnbetrieb nicht mehr benötigt wurden – zuerst in Zürich, Genf und Basel, später auch in anderen Städten.

Es war Learning by Doing: Sie zog Immobilienexperten, Fachleute der ETH und renommierte Architekturbüros bei, und so wuchs das Verständnis, wie auf ehemaligen Bahnarealen Büros, Schulen, Läden und Wohnungen entstehen konnten. Das Grossprojekt Europaallee in Zürich und die Kommerzialisierung der grossen Bahnhöfe waren starke Treiber. Die Projektentwicklung arbeitete erfolgreich, ihre Überbauungen erhielten viel Beachtung.

Widerspruch aus den Städten

Doch mit dem Erfolg wuchs da und dort auch Kritik. Die Zürcher Europaallee wird noch nicht überall als gelungener Stadtteil empfunden. In Zürich, Bern und Basel wurden in den Medien, aus der Bevölkerung und teilweise in den Parlamenten Stimmen laut, die sie als Hochpreis-Oase kritisierten, statt das Gesamtkonzept mit attraktiven Aussenräumen, lokalen Ladenkonzepten, Hochschulcampus, Kultureinrichtungen und Hotel nach der Fertigstellung 2021 zu beurteilen.

Die SBB zählen heute zu den grössten Schweizer Immobilienentwicklern, und ihre Areale an den Bahnhöfen sind Schlüsselprojekte der Stadtentwicklung. Sie stehen darum im Fokus der Aufmerksamkeit. Mit dem Portfolio wuchs der Druck auf die SBB, bei neuen Projekten auch günstige Wohnungen zu planen und generell die stadtentwicklungspolitischen Zielsetzungen der Städte stärker zu berücksichtigen, und mit der Professionalisierung wuchs ihr Bewusstsein für die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

Bei Konflikten mit den Gemeinden drohen Planungsunsicherheit durch überraschende Parlamentsbeschlüsse, Rekurse durch Verbände und sinkende Verhandlungsbereitschaft der Verwaltungen in Planungs- und Bewilligungsverfahren. Darum gehen die SBB aktiv auf die kantonalen und kommunalen Behörden zu und beziehen sie von Anfang an in die Projekte mit ein. Seit Langem kooperieren sie auch mit Wohnbaugenossenschaften – bisher mit insgesamt 38. Denn sie wollen ihr Portfolio stärker diversifizieren und den Anteil der Wohnungen weiter erhöhen, auch im preisgünstigen Bereich.

Planung wird komplexer

Der Markt für die Vermietung von Immobilien verändert sich rasant. Grosse Retail-Läden, mit denen sich Erd- und Untergeschosse füllen lassen, wird es künftig wegen des Onlinehandels kaum mehr geben. Heute müssen Erdgeschosse kleinteilig vermietet werden. Hingegen fordern Dienstleistungsfirmen aus Finanz und IT möglichst grosse Flächen auf einer Etage. Für teure Wohnungen ist der Markt vielerorts bereits gesättigt.

Aus dieser Marktsituation heraus ergeben sich Bauten mit kleinteiligem Erdgeschoss, grossen Flächen in den Etagen darüber und zuoberst wieder kleineren Volumen für Wohnungen. Diese Typologie birgt diverse Herausforderungen. Setzt man sie nicht mit der nötigen Sorgfalt um, handelt man sich Probleme ein, die aus den 1960er- und 1970er-Jahren bekannt sind: Wohntürme ohne Bezug zur Stadtebene auf undurchdringlichen Sockeln, dazwischen verwaiste Schluchten. Gefragt sind darum Durchlässigkeit, räumliche Vielfalt, besondere architektonische Sorgfalt bei allen Übergängen und architektonische Strukturen, die sich bei wechselnden Bedürfnissen flexibel nutzen lassen.

Auch der gesetzliche Rahmen hat sich mit zahllosen Vorgaben für nachhaltiges Bauen, dem Raumplanungsgesetz und diversen Gerichtsentscheiden auf Kantons- und Bundesebene zum Inventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz (ISOS) verändert. Die Auflagen für Gebäude wachsen laufend, und auch die geforderte Verdichtung macht die Projektentwicklung komplexer. Kommt hinzu, dass die Areale, die heute zur Weiterentwicklung frei werden, sehr verschiedenartig sind und oft schutzwürdigen Baubestand aufweisen. Auch SBB Immobilien hat sich verändert: In der Projektentwicklung arbeiten heute mehr als 70 Projektmanager in ca. 160 laufenden Projekten mit einem jährlichen Investitionsvolumen von ca. 600 Mio. Franken. Dazu kommen Portfoliomanagement, Immobilienrechte, Bewirtschaftung und das Facility Management für 3500 Gebäude, davon über 800 Bahnhöfe.

Diese Dynamik und Komplexität sind mit Standardlösungen nicht zu bewältigen, ja nicht einmal mit Rezepten. Es wurde klar, dass SBB Immobilien den Begriff der Baukultur mit neuem Leben füllen muss. Dies gelingt mit vier Aspekten: einem vertieften Verständnis für die Bedeutung der Nutzungen bei Arealentwicklungen, mit Wettbewerbsverfahren von hoher Qualität, durch einen offenen Austausch mit allen Stakeholdern inklusive Bevölkerung und mit einer ständigen Lernkultur.

1. Erdgeschossnutzungen und Aussenräume

An vorderster Stelle steht eine neue Sicht auf die Stadt. SBB Immobilien ist daran, sich konkrete Vorstellungen von einer guten Ortsentwicklung zu erarbeiten, und baut entsprechende Kompetenzen auf. SBB-Areale sollen Stadtteile mit hoher Aufenthaltsqualität sein. Dazu brauchen sie attraktive, vielfältig nutzbare Aussenräume, soziale Durchmischung, Nutzungsvielfalt und vielfältige Publikumsfunktionen in den Erdgeschossen.

Ein Lerneffekt der letzten Jahre ist, dass die Marke SBB weniger durch die Handschrift der Architekturbüros repräsentiert wird als durch die realisierten Nutzungen. Vor allem die Erdgeschossflächen prägen Charakter und Image eines Quartiers. Heute sind Erdgeschossmieter, die in den Gebäuden und im Aussenraum für Aufenthaltsqualität sorgen, von zentraler Bedeutung für die Wahrnehmung einer Arealentwicklung. So wäre die Europaallee in Zürich mit ihren grossen Dienstleistungsfirmen ohne das Flair der kleinen Läden und Bars vielleicht architektonisch interessant, aber kein angenehmer Stadtraum.

Da sich ausserhalb der Bahnhöfe im Erdgeschoss weniger Ertrag erwirtschaften lässt als bei den Retail-Flächen im Bahnhof, haben die SBB ihre Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen für die Erdgeschosse ausserhalb der Bahnhöfe angepasst. Sie können nun Mietern, die wegen ihres Beitrags an die Aufenthaltsqualität erwünscht sind, bezahlbare Mieten anbieten. So wurde es möglich, an der Europaallee lokale Ladenkonzepte und das Kino- und Kulturzentrum «Kosmos» zu etablieren (vgl. Abb. 1, Abb. 2 und Abb. 3). Schliesslich profitieren alle von einem lebendigen, ökonomisch nachhaltig bewirtschafteten Quartier.

Nachfrageorientierte Erdgeschossnutzungen sollen Stadtqualität erzeugen, die ein Areal zum Arbeiten, Wohnen und Einkaufen attraktiv macht. Ein Anteil preisgünstiger Wohnungen wird ebenso ermöglicht wie das Wohnen im marktüblichen Preissegment; eine lebenswerte und nachhaltige Stadt ist aus Sicht der SBB eine sozial durchmischte Stadt für alle Einkommensschichten.

Schlüsselstellen für die Stadtqualität sind die Übergänge: vom Haus zur Strasse, vom Strassenraum zum öffentlichen Verkehr usw. Künftig wird die Planung diesen Schnittstellen mehr Aufmerksamkeit schenken müssen. Dass sie gut funktionieren, wird bei mehr Dichte, Mobilität und funktionaler Durchmischung noch wichtiger. Zum Anschluss an den öffentlichen Verkehr ist bei den SBB viel Wissen vorhanden. Sie wollen es noch mehr nutzen, um Städtebau und öffentlichen Verkehr besser zu verzahnen. Hier sollten im Zeitalter der Digitalisierung vorbildliche Projekte gelingen.

Ein weiteres Schlüsselelement für die Stadtqualität ist der Aussenraum. Qualität entsteht hier durch sorgfältiges Abstufen von öffentlichen, halböffentlichen und privaten Freiflächen und eine Vielfalt an unterschiedlichen Begegnungsräumen. Mit solchen Qualitäten wird bauliche Verdichtung möglich und qualitätsvoll. Hier fehlt es allerdings derzeit noch an Know-how. Landschaftsarchitekturbüros, die im städtischen Raum vielseitig nutzbare, auch für die Quartierbevölkerung attraktive Orte mit hoher Aufenthaltsqualität schaffen können, sind nicht leicht zu finden.

Das Wissen über die Gestaltung von Stadträumen hat im Autozeitalter gelitten. Die SBB möchten es wieder fördern – durch mehr Bestellerkompetenz und mit gezielten Wettbewerben für diese Planungsaufgabe. Ziel sind Strukturpläne, die den Stadtraum ausgehend von den Freiräumen und Plätzen strukturieren und hierarchisieren und so ein Orientierungssystem für die nachfolgende Planung der Bauten schaffen. Diese Reihenfolge entspricht einer grossen Tradition in der Geschichte des Städtebaus und soll integraler Bestandteil der Baukultur der SBB werden.

2. Gute Verfahren für hohe Stadtqualität

Überdurchschnittliche Stadtqualität ist nur mit Wettbewerbsverfahren von hoher Qualität zu erreichen. Hohe Bestellerkompetenz und Jurys mit kompetenten Fachleuten sind die Voraussetzungen, um gute Architekturbüros anzuziehen, deren Können es braucht, um aus komplexen Anforderungen lebenswerte Räume zu entwickeln. SBB Immobilien schreibt für alle Entwicklungsprojekte Wettbewerbe aus, meist für Generalplanerteams und wo möglich im offenen Verfahren. Bei komplexen Projekten, vor allem in Gleisnähe, setzt sie aber auf selektive Verfahren und teilweise anspruchsvolle Präqualifikationen, um sicherzustellen, dass Erfahrung aus vergleichbaren Projekten vorhanden ist. Für eine Arealentwicklung braucht es meist mehrere Verfahren: eines für den Masterplan, eines für die Aussenraumgestaltung und Projektwettbewerbe für die einzelnen Gebäude, Letztere oft mehrstufig.

Seit 2013 führt SBB Immobilien Gespräche mit der SIA-Leitung, um die Anliegen der Fachplaner besser zu verstehen und Ausschreibungen adäquat zu gestalten. Dabei wurden die Verfahren den SIA-Wettbewerbsordnungen 142 und 143 angenähert, sie weichen aber in einigen Punkten bewusst davon ab (vgl. TEC21 19/2017).1

3. Verhandlungen und Mitwirkung

Die Kommunikation mit kantonalen und kommunalen Behörden und Verwaltungen wurde und wird weiter intensiviert. Seit fünf Jahren gibt es zweimal im Jahr einen Austausch zwischen der Spitze von SBB Immobilien und den Regierungen der grössten Schweizer Städte. Auch die Projektentwicklung muss noch mehr über ihre Areale hinausdenken, der Anbindung an den Stadtraum mehr Aufmerksamkeit schenken und Stadtteile planen, die mit den Entwicklungszielen der Gemeinden koordiniert sind. Dazu gehört insbesondere der Austausch mit der Bevölkerung: in Gesprächen mit Anrainern und Quartiervereinen sowie in öffentlichen Mitwirkungsverfahren für Nutzungskonzepte und zur Gestaltung von Aussenräumen. Für die Bevölkerung hat Baukultur oft weniger mit Architektur als mit Nutzungen, Möglichkeiten und öffentlich zugänglichen Aussenräumen zu tun. Da kann sie aktiv dazu beitragen, Projekte zu optimieren. Partizipative Verfahren sind für die SBB ein relativ junges Instrument, das sie aber künftig konsequent einsetzen wollen.

4. Lernkultur

Eine starke, sich laufend entwickelnde Baukultur bedingt auch eine Lernkultur. Das Leitungsteam der Projektentwicklung fördert den permanenten schweizweiten Austausch. Um die Lernkurve steil zu halten, organisiert es Besichtigungen, Aussensichten, Diskussionen und ein jährliches Treffen – so 2017 zum Thema Mitwirkungsverfahren. Die Ziele sind Sensibilisierung, Wissensaustausch und eine lebendige Kommunikation – sowohl mit anderen Divisionen der SBB als auch mit Städten, Gemeinden und der Bevölkerung.

Für die angestrebte Stadtqualität laden die SBB auch gezielt Planerteams ein, die mit Arealentwicklungen auf sich aufmerksam gemacht haben: einerseits Büros, die städtebauliche Ideen aus der Umnutzung von Hafengebieten in Holland oder von Industriestädten in Frankreich und England mitbringen, andererseits Unternehmen wie die Fischer AG aus Zürich oder Denkstatt Sarl und das Baubüro insitu aus Basel, die aus alternativen Stadtentwicklungsprojekten hervorgegangen sind (TEC21 3–4/2005, S. 5–9). Gefragt sind ihre Erfahrung mit iterativen Entwicklungsstrategien für Areale, die schrittweise frei werden, und ihr Know-how bei der Erstvermietung und Mieterbetreuung, denn für die Erdgeschosse braucht es heute neue Nutzungskonzepte und Mieter, die nicht auf konventionelle Art gefunden werden können.

Das Beispiel Malley Centre

Anhand von Malley Centre lässt sich gut aufzeigen, wie die SBB heute eine hohe Stadtqualität anstreben. Auf der 16 ha grossen Industriebrache westlich von Lausanne soll ein urbanes, von Bahn, Metro und Tram erschlossenes Quartier entstehen. Der grössere, südliche Teil gehört der Stadt Lausanne, das Land der SBB liegt an der neuen S-Bahn-Station Prilly-Malley. Im Rahmen des überkommunalen Entwicklungsplans, dem Schéma directeur de l’Ouest lausannois SDOL (TEC21 47/2012), veranstaltete das Büro des SDOL mit den Gemeinden Renens, Prilly und Lausanne, SBB Immobilien und dem Kanton Waadt einen städtebaulichen Wettbewerb (TEC21 47/2012, S. 6–7). Das Siegerprojekt «Les Coulisses» (von SAS Jalbert & Tardivon In Situ Architectes-Paysagistes aus Lyon und FHY Architectes Urbanistes aus Paris) definiert ein Strassenraster, vielfältige Freiräume und Mantellinien für die Bauparzellen, innerhalb derer die Bauvolumen verschieden angeordnet werden können.

Auf den beiden SBB-Parzellen mit 16.000 m2 Grundfläche sieht es zwei Plätze und zwei Hofrandbebauungen mit punktuell bis zu 16 Etagen vor: 52.500 m2 Bruttogeschossfläche mit 25–40% Wohnen sowie Publikumsnutzungen im Erdgeschoss. Gassen und Passagen sollen die Randbebauung öffnen, damit ein vielfältiger Strassenraum entsteht (Abb. 4 und Abb. 5). Die oberen Etagen bieten urbanes Wohnen, teilweise mit Seesicht, für ein Publikum in der Vor- oder Nachfamilienphase. Günstige Familienwohnungen baut die Stadt Lausanne im südlichen Teil. Für beide Teile wurde je ein Quartierplan ausgehandelt.

Um zwei Handschriften zu erhalten, wurde für jede Parzelle ein Wettbewerb veranstaltet, beurteilt von der gleichen Jury. Je acht Büros wurden zu einem zweistufigen Verfahren eingeladen, je vier in die zweite Stufe mitgenommen. Auf der einen Parzelle war die Jury danach noch nicht zufrieden, daher beschloss die Ausloberin, mit zwei Büros in eine dritte Runde zu gehen. Diese ist noch im Gang. Dies zeigt, dass zäh um gute Lösungen gerungen wird. Die Bevölkerung soll an der Gestaltung der Plätze mitwirken.

Das Kulturerbe nutzen

Mit diesem Verständnis von Stadtqualität erhalten auch historische Bauten einen neuen Wert, denn sie können viel zur gesuchten Aufenthaltsqualität beitragen. Abgesehen davon, dass das Natur- und Heimatschutzgesetz die SBB zur Pflege ihres baukulturellen Erbes verpflichtet, sorgt dieses für Einzigartigkeit der Orte. Das gilt für grosse und kleine Bahnhöfe, für Kleinbauten und selbst für Schienen, die zur Gestaltung genutzt werden können, etwa im Naturschutzgebiet, das im Basler Güterbahnhof Wolf geplant ist. In Zürich hat gerade die Restaurierung des Südtrakts von Wanners Prunkbau begonnen, bei der die Wandelhalle und die einstigen Passagen wieder geöffnet werden. Und im seit Langem geschlossenen Westflügel des Basler Bahnhofs mit seinen schönen Wartesälen wird man schon bald Kaffee trinken können.

Die historischen Bahnbauten sind Teil der Kultur unseres Landes, ihre sorgfältige Pflege ist ein Beitrag an dessen Identität. Für die SBB ist es wichtig, zeitgemässe und ökonomische Nutzungen für sie zu finden, damit sie der breiten Bevölkerung zugänglich gemacht werden können. Die Erträge sichern letztlich ihren Erhalt und ihre Pflege. Musealer Leerstand kann nicht das Ziel sein. Die SBB intensivieren deshalb den Austausch mit den Denkmalpflegen – einerseits um Wert, Schutzumfang und Nutzungspotenzial von Altbauten zu erkennen und diese in die Projektentwicklung einbeziehen zu können; andererseits geht es auch darum, für zentrale Areale Spielräume für einen unkonventionellen Umgang mit historischen Bauten auszuhandeln.

Neue Ansätze in der Denkmalpflege

Wo der Verkehr kaum wächst und die Nachfrage nach Wohnungen und Dienstleistungsflächen klein ist, können historische Bauten streng nach denkmalpflegerischen Konventionen behandelt werden. Ein Beispiel dafür ist der Bahnhof Glarus. Das Ensemble wurde nach allen Regeln der Kunst restauriert; für alle Bauten fanden sich zeitgemässe Nutzungen, die nicht in Konflikt zu einer restauratorischen Haltung stehen (Abb. 6 und Abb. 7). Das gilt auch für weitere Ensembles, etwa in Rapperswil oder Kerzers, für zahlreiche Landstationen und selbstredend für die geschützten Aufnahmegebäude der grossen Bahnhöfe.

Im Umfeld von dynamischen Verkehrsknoten in den Agglomerationen und Kernstädten ist jedoch die Nachfrage nach zentralen Mietflächen und damit das wirtschaftliche Potenzial ungleich höher. Hier sehen sich die SBB in der Verantwortung, dem Verdichtungspostulat der Raumplanung gerecht zu werden und entsprechend der Nachfrage Flächen bereitzustellen. Auch hier soll der historische Bestand zur Identität beitragen, die Denkmalpflege ist ein wichtiger Partner. Wenn viel Altbausubstanz vorhanden ist, kann aber eine streng konservatorische Haltung jede Entwicklung blockieren. Das ist auch für die Gemeinden problematisch, weil es sich um Schlüsselareale für die Stadtentwicklung handelt. Hier kann Denkmalschutz in Konkurrenz mit Anliegen einer nachhaltigen Stadtentwicklung wie Innenverdichtung, Wohnungsbau oder lokaler Produktion geraten.

Hauptwerkstätten Zürich: erhalten …

Bestens veranschaulichen lässt sich die Thematik anhand der Hauptwerkstätten Zürich: Auf dem 900 m langen und 140 m breiten Areal zwischen Gleisfeld und Hohlstrasse in Zürich Altstetten erstellten die SBB 1908 eine Lokomotiv- und Wagenreparaturwerkstätte aus einem Guss (Abb. 4, %%gallerylink::Abb. 9%%, Abb. 10, Abb. 11 und Abb. 12). Gemäss einem Ablaufschema für die rationelle Wartung und Reparatur des Rollmaterials sind links und rechts einer Gasse Shedhallen, Werkstätten, Materiallager, Verwaltungsgebäude und Wohlfahrtshäuser für die Angestellten aufgereiht.

Drei breite Schneisen unterteilen die Bebauung, hier wurden Wagen und Loks auf Schiebebühnen querverschoben und dann auf ein freies Gleis in der nächsten Halle gezogen. Alle Gebäude sind aus gelbem Backstein gemauert und mit rotem Backstein verziert. Als en bloc geplanter industrieller Komplex und Zeuge für den fortschrittlichen Umgang mit den Angestellten ist das Ensemble bau-, technik- und sozialgeschichtlich einmalig in der Schweiz. Eingestuft ist es als Baudenkmal von regionaler Bedeutung. Das ISOS klassifiziert nur eine 1922 ergänzte Halle als erhaltenswertes Einzelobjekt, belegt aber das ganze Areal mit dem Erhaltungsziel C «Erhalt des Charakters».

Auf den westlichen zwei Dritteln geben die SBB die Werkstätten schrittweise auf. Für die Stadt ist das Areal von strategischer Bedeutung, denn es ist die letzte Industriezone Zürichs, die nicht für Handel und Dienstleistungen offen ist und in absehbarer Zeit frei wird. Die Stadtregierung will es für produzierendes Gewerbe reservieren, das sonst in Zürich keine bezahlbaren Räume mehr findet. SBB Immobilien und die Stadt Zürich haben mit Fachleuten das Konzept «Werkstadt Zürich» erarbeitet. Es sieht vor, das Areal für Gewerbe zu nutzen und für die Bevölkerung zu öffnen.

Hier sollen sich innovative Betriebe entwickeln und gegenseitig inspirieren können und einen wachsenden Gewerbe-Cluster bilden, der die Stadtbevölkerung mit lokal produzierten handwerklichen Produkten, Reparaturleistungen und Nahrungsmitteln versorgt. Das Gewerbe zeigt grosses Interesse. Mit den Herstellern der Kaffeemaschine «Zuriga» konnte bereits ein Aushängeschild gefunden werden. Pioniere profitieren von günstigen Mieten, sie sollen die «Werkstadt» bekannt machen. Da das Gelände schrittweise frei wird, müssen Betrieb und Entwicklung parallel laufen. Arealentwicklung bedeutet hier permanente Transformation. Die historischen Bauten sollen das Gelände auch in Zukunft prägen.

… und verdichten

Das Areal soll aber auch schrittweise mit Neubauten verdichtet werden. Das Konzept zeigt Varianten auf. Einige davon würden einen hierzulande völlig neuen Umgang mit historischen Bauten bedeuten. Die Idee ist, die Altbauten zu pflegen und die Neubauten dazwischen und teilweise darüber zu errichten. Das Konzept schlägt vor, sie ohne Berührung über den Altbauten aufzuständern.

Die kantonale Denkmalpflegekommission hat fast alle Gebäude als schutzwürdig beurteilt. Eine traditionelle Auslegung dieses Schutzes würde die Weiterentwicklung des Areals weitgehend blockieren. Darum haben die SBB die kantonale Denkmalpflege um Verhandlungen gebeten. Der vorgeschlagene Ansatz bietet auch aus denkmalpflegerischer Sicht verlockende Optionen. Denn wenn sich die Nachfrage nach Gewerbeflächen auch in Neubauten auffangen lässt, liesse sich die historische Bausubstanz dafür umso konsequenter erhalten.

Die SBB-Fachstelle für Denkmalpflege ist stark ins Projekt involviert. Ihre Rolle ist dabei eine andere als die staatlicher Denkmalpflegen. Sie beurteilt nicht den Schutzumfang von Bauten, sondern muss aufzeigen, wie die SBB ihren Schutzauftrag umsetzen können. Sie tut dies einerseits durch Sensibilisierung der Planungsverantwortlichen, andererseits, indem sie Vorschläge macht, wie das historische Erbe in zukunftsfähigen Szenarien der Innenentwicklung genutzt werden kann.

Spielraum für Experimente

Zur Entwicklung solcher Areale braucht es vonseiten der Denkmalpflege und der Planungsbehörden Denkfreiheit und Spielraum für neue Nutzungskonzepte, typologische Experimente und kreative Kombinationen von Alt und Neu. Beim Denkmalschutz ist die gesetzliche Regelung nicht eindeutig. Das Natur- und Heimatschutzgesetzt stipuliert eine Interessenabwägung zwischen der ungeschmälerten Erhaltung von Kulturdenkmälern und «bestimmten gleich- oder höherwertigen Interessen von ebenfalls nationaler Bedeutung». Ob dazu auch die vom Raumplanungsgesetz verlangte Verdichtung gehört, dazu gibt es noch keine Gerichtspraxis. Unklar ist auch, wie der Charakter eines Areals zu definieren wäre, der laut ISOS erhalten werden soll.

Eine zweite Frage ist, ob der experimentelle Ansatz einer permanenten Transformation mit der Stadtplanungs- und Baubewilligungspraxis kollidiert oder ob es möglich sein wird, einen regulatorischen Rahmen zu setzen, der für viele Jahre Planungssicherheit gibt, das Bewilligen der einzelnen Transformationsschritte vereinfacht und auch Spielraum für Lernprozesse und Kurskorrekturen lässt. Sonst droht ein Übermass an administrativem Aufwand. Es wird sich zeigen, ob auf allen staatlichen Ebenen die nötige Offenheit vorhanden ist oder wachsen wird.

Blick in die Zukunft

Bereits zeichnen sich für Projektentwicklung und Denkmalpflege neue Herausforderungen ab: Digitale Technologien fördern neue individualisierte Verkehrsträger. Die SBB reagieren darauf mit der Strategie «Smart City». Sie wollen ihre Bahnhöfe als multifunktionale Verkehrs- und Dienstleistungsdrehscheiben und die dazu nötigen Koordinationsdienste anbieten. Auf dem Areal Wolf in Basel sollen Erfahrungen gesammelt werden. Die SBB und der Kanton Basel-Stadt wollen es gemeinsam zum «smartesten» Areal der Schweiz entwickeln. Es soll ein Innovationsstandort für Smart-City-Projekte mit Vorbildcharakter (zumindest) für die ganze Schweiz werden.

Anmerkung
1 Hans-Georg Bächtold: «SIA-Anliegen konstruktiv vertreten», sowie: Stefan Cadosch: «Gemeinsam für eine Architektur und Ingenieurbaukunst von hoher Lebensqualität – SIA und SBB haben die gleichen Ziele» in: SBB Immobilien, Blog «Spatenstich» 14.6.2017.
 

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