Die alpine Schweiz 2050

Der SIA-Vorstand traf sich mit Regierungsvertretern der Kantone Tessin und Uri − mit dem Ziel, sich für die Weiterarbeit am Forschungsprojekt «Die Schweiz 2050», mit den Herausforderungen in den Alpenregionen vertraut zu machen.

Thomas Müller Kommunikationsberater SIA

Rund 48 % oder knapp die Hälfte der Schweizer Landesfläche sind alpin, weitere 12 % voralpin. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Alpenraum, die Annäherung an dessen spezifische geografische, wirtschaftliche und soziale Eigenschaften – an dessen Menschen und ihre Kultur – ist für den SIA-Vorstand deshalb unerlässlich auf dem Weg zu einer Vision für die Schweiz in 35 Jahren. Eine Vision, deren Erarbeitung der SIA gemeinsam mit der ETH Zürich und im Rahmen des Forschungsprojekts «Die Schweiz 2050 – Bauwerk und Lebensraum» angegangen ist (vgl. SIA-Seiten in TEC21 14/2016 und in TEC21 17/2016).

Der Vorstand traf sich deshalb an seiner zweitägigen Zusammenkunft vom 19. und 20. August in Airolo mit politischen Vertretern und Vertreterinnen der Alpenregionen. Zum einen waren das die Regierungsräte Heidi Z’graggen aus dem Kanton Uri und Norman Gobbi aus dem Kanton Tessin. Geladen war zudem die aus Airolo selbst stammende Architek­tin und Vizepräsidentin des Fachverbands Schweizer Raumplaner (FSU), Francesca Pedrina.  

Entvölkerte Seitentäler im Tessin 

Norman Gobbi, der mit seinen Ausführungen zum Kanton Tessin den Anfang machte, skizzierte zu diesem ein Bild grosser demografischer Konzentration: Die Bevölkerung in den Regionen Bellinzona, Locarno und Lugano sei in den vergangenen Jahren um rund 15 % gewachsen. Dies auf Kosten vieler Seitentalgemeinden – je abgelegener, desto stärker. So leben heute gegen 100 000 oder knapp ein Drittel der Tessiner und Tessinerinnen in den drei erwähnten Städten.

Allein das sich von Lugano nach Süden entwickelnde Mendrisiotto konzentriert gemäss Gobbi 50 % oder 175 000 der im Kanton ansässigen Menschen auf sich. Wirtschaftlich gerieten deshalb die abgelegenen Gegenden zunehmend unter Druck. Es fehle dort entsprechend an Geld und Menschen für die Pflege der Landschaft, den Unterhalt der Infrastrukturen, der gemeinnützigen Anlagen und Bauten. An deren Ausbau ist schon gar nicht zu denken. Und zur Unterstützung der Gemeinden würden dem Kanton die Mittel und Ressourcen fehlen, weil auch er unter grossem Spardruck stehe.

Grosse Herausforderungen für den gesamten Kanton seien auch die 62 000 Grenzgänger und die unternehmerische Konkurrenz aus Italien, so Gobbi weiter. Beide würden mit bis zu 50 % tieferen Lohn- respektive Honorarforderungen in den Tessiner Markt drängen – nicht zuletzt auch Architekten und Ingenieure. Viele stammen aus den Regionen von Como und Varese, in denen in direkter Nachbarschaft zum Tessin eine Million Menschen leben; auch die Metropolitanregion Mailand mit ihren 3.2 Millionen Einwohnern ist gerade mal 50 km entfernt. Wie er und der Regierungsrat des Kantons Tessin hingegen strategisch mit all diesen demografischen, sozialen und wirtschaftspolitischen Her­ausforderungen umzugehen gedenken, dazu äusserte sich Gobbi nicht. 

Einen guten Schritt weiter scheint hier der Regierungsrat Uri zu sein – zumindest liess das Uris Justizdirektorin und Raumplanungs­verantwortliche Heidi Z’graggen in ihren Ausführungen erkennen. Auch der im Vergleich mit dem Tessin rund zehnmal kleinere Kanton (36 000 Einwohner) hat mit Herausforderungen zu kämpfen, die sich aus seiner spezifischen Topografie ergeben. Auch hier sind erschwerte wirtschaftliche Rahmenbedingungen und die Abwanderung brennende Themen. 

Uri setzt auf Subsidiarität

Z’graggen will die sich aus dem Topos ergebenden Eigenheiten aber als Chance sehen oder sogar bewusst als Trumpf ausspielen. Das lässt einen konstruktiven und frischen Approach erkennen. Z’graggen fordert eine differenzierte Betrachtung des Alpenraums: Sie wünscht sich mehr Föderalismus und Mut zu regional differenzierenden Lösungen anstelle weiterer eidgenössischer Vorgaben. Ziel ist, um es mit ihren Worten zu sagen, «nicht mehr vom Gleichen, sondern mehr Eigenständigkeit, mehr Andersartigkeit». 

So lautet zum Beispiel eine ihrer provokativen Ideen, den Pendlerabzug im Kanton Uri nicht zu verringern, sondern anzuheben. Dies, um die weitere Abwanderung zu bremsen, ja wenn möglich sogar neue Menschen anzuziehen. Starke Zentren wie zum Beispiel das untere Reusstal, die sich in den vergangenen Jahren auch im Kanton Uri gebildet haben, sieht sie nicht nur als Entvölkerer und unliebsame Konkurrenz der Seitentäler, sondern gleichfalls als Bedingung für die Entwicklung entlegener Regionen. Gerade weil beide voneinander profitieren, will Z’graggen wieder mehr Solidarität zwischen den Zentren und den entlegenen Regionen aufleben lassen. Darauf aufbauend könne man in einem partizipativen Prozess gemeinsam mit den Menschen der abgelegenen Gebiete neue Anreize für das Leben in deren Dörfern und Gemeinden schaffen.  

Auch Francesca Pedrina betonte noch einmal, wie wichtig es sei, die Menschen, in deren Lebensraum man hineinwirkt, mitzunehmen auf die Um- und Neugestaltungsreise. Doch nicht nur das: Bei der Umsetzung ihrer konkreten Interventionen als Architektin und Raumplanerin in und um Airolo habe sie gelernt, dass es nicht nur darum gehe, den Einwohnern und Einwohnerinnen neue Ideen vorzustellen und sie dafür zu gewinnen; vielmehr gelte es, entsprechend begleitet, die Innovation aus den Menschen vor Ort heraus erwachsen zu lassen. Nur dann generiere man auch die wirkliche Akzeptanz und Motivation für Veränderung. 

Förderung der Innovation an der Basis

In der anschliessenden Diskussion kam in verschiedenen Voten von Vorstandsmitgliedern zum Ausdruck, dass sie das Subsidiaritätsprinzip und insbesondere den Aspekt «Förderung der Innovation von unten herauf» in die weitere Arbeit am Forschungsprojekt «Die Schweiz 2050» mitnehmen wollen. 

Hierzu wollen die Projektverantwortlichen den Dialog mit den Menschen suchen, um mit der Vision für die Schweiz von 2050 noch differenzierter auf die Eigenheiten und Bedürfnisse der verschiedenen Regionen der Schweiz eingehen zu können. Qualität soll dabei vor Quan­tität stehen und den spezifischen gestalterischen und kulturellen Aspekten grösstmögliche Aufmerksamkeit zuteil werden.

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