Dichte spart Energie

Energiepolitik ist auch ein Raumplanungsthema – eine Diskussion und ein Workshop an der Swissbau verdeutlichten die Anforderungen einer zukunftsgerichteten Energiepolitik an die Raumplanung.

Jürg Zulliger Fachjournalist im Bereich Bau und Immobilien und Sozial­wissenschaftler

Wie wird die Schweiz aussehen, wenn ihre Bevölkerung, wie von Demografen pro­gnostiziert, in etwa 20 Jahren die Schwelle von 10 Millionen Menschen überschreitet?

Eine Knappheit fast aller Ressourcen – Bauland, Rohstoffe, Energie – verlangt schon heute nach wirkungsvollen Raumplanungskonzepten, die einhergehen mit hoher städtebaulicher Qualität und Verdichtung innerhalb der bestehenden Bauzonen. Das war die einhellige Meinung der Experten am Swissbau Focus mit dem Titel «Raumplanung für die 10-Millionen-Schweiz». Der SIA, das Bundesamt für Raumentwicklung und der Fachverband Schweizer Raumplaner (FSU) hatten das Podium und einen ergänzenden Workshop gemeinsam organisiert.

Geht es um Ressourceneinsparung, dann führt an der Verdichtung und an urbanen Strukturen kein Weg vorbei. Denn nur dadurch könnten der energiefressenden Mobilität Grenzen gesetzt bzw. viele Fahrten einfach überflüssig gemacht werden – indem Siedlungen überall dort wachsen, wo die Infrastruktur schon gut ausgebaut ist; wenn auch Arbeits- und Wohnorte wieder näher zusammenrücken, ist eine nachhaltige Entwicklung möglich.

Matthias Daum, Historiker und Journalist der «Zeit», formulierte jedoch Skepsis gegen allzu einfache Rezepte: «Letztlich sind es die Menschen selbst, die mit ihren Ansprüchen und ihrem Portemonnaie die Raumentwicklung prägen.» Solange das Haus im Grünen und ein verschwenderischer Konsum von Wohnfläche bezahlbar seien, sei ­solchen Entwicklungen schwer beizukommen. Umgekehrt bleibe die Rückkehr von Familien in die Stadt ein frommer Wunsch, solange die Mieten in den Schweizer Zentren für Normalverdiener kaum bezahlbar sind.

Energiekriterien im Zonenplan festschreiben

Der nach dem Podiumsgespräch abgehaltene Workshop «Wie wird die Siedlungsentwicklung energieeffizienter?» knüpfte vertiefend an dessen Fragen an. Kaum ein anderer wäre für das Thema so prädestiniert wie Andreas Herczog. Der Architekt und Raumplaner war seit den 1970er-Jahren auf praktisch allen politischen ­Bühnen aktiv, etwa im Zürcher Kantonsrat und 20 Jahre als Nationalrat in Bern, zuletzt für die SP.

Herczog sprach politische Vorlagen an, die in eine neue Richtung weisen und offenbar mehrheitsfähig sind: in Genf etwa die neuen Bestimmungen, wonach bei Neu- oder ­Umbauten minimale Ausnützungsziffern einzuhalten sind. Oder im Kanton Zürich die 2014 bei einer Abstimmung angenommene Vorla­ge, dank der Gemeinden Zonen für Bauvorhaben mit erneuerbarer Energie festlegen können.

Natürlich erkennen die Verantwortlichen inzwischen, dass es ohne eine quartier- und stadtgrenzenübergreifende Planung nicht mehr geht. Oder man geht noch einen Schritt weiter und fusioniert diese. «Gemeindefusionen machen die Umsetzung solcher Ziele erheblich einfacher», sagte die Stadtplanerin Ariane Widmer Pham, die als Leiterin eines interkommunalen Planungsbüros für das Umland von Lausanne an solchen Projekten arbeitet.

Innere Verdichtungen und Wachstum in bestehenden Stadtgebieten, also die Leitlinien des Raumplanungsgesetzes, sind somit zugleich Voraussetzung für mehr Energieeffizienz. Denn wenn städtische Räume attraktiv sind und ein akzeptiertes Mass an Dichte bieten, muss niemand ins Umland pendeln, um lebenswert zu wohnen. Städtische Dichte erleichtert zudem die Energieversorgung durch lokal gewonnene erneuerbare Energien.

Aber die Zukunft hat längst begonnen – denn formell hätten die Gemeinden schon heute alle nötigen Kompetenzen, um Richtplanungen für Energie festzulegen. Gemeint ist neben einer Anschlusspflicht an Fernwärmenetze z. B. eine Zonenordnung, die Energieversorgung und Energiebezug regelt.

Richtpläne für Energie – wie etwa in Thun – erleichtern die Koordination und fördern netzgebundene Lösungen und erneuerbare Energien. Und es kann auch nicht sein, dass die Gemeinde A für ein Areal eine Gasversorgung erstellt, während nur 500 m entfernt – aber auf dem Boden der Nachbargemeinde B – die Fernwärme der Kehrichtverbrennung zur Verfügung steht. Künftig können für Bauzonen u. a. energetische Anforderungen definiert werden, etwa indem bestimmte Anteile erneuerbarer Energie oder Grenzwerte beim Energieverbrauch vorgegeben werden.

Fazit am Swissbau Focus in Basel: Erstens müssen Planungen über politische Grenzen hinweg intensiviert werden. Zweitens war man sich einig in dem Appell, dass Raum- und Energieplaner ihre Berührungsängste gegenüber der Politik und gegenüber politischen Abläufen ablegen müssten.

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