Der Einfluss digitaler Akteure wächst

Die Zukunft gehört den Städten. Ob der Stadtraum genügend Freiheit für Innovation bietet, ist jedoch umstritten. Eine Tagung widmete sich den Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf den öffentlichen Raum.

 

Claudia Schwalfenberg Verantwortliche Baukultur SIA

Die Schweiz ist ein Sonderfall: «Wir sind langsam, gut und teuer.» Mit dieser These führte David Bosshard, CEO des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI), in die Präsentation einer Studie zur Zukunft des öffentlichen Raums ein. Diese Studie war beherrschendes Thema an einer am 13. April vom SIA mitveranstalteten Tagung. Die Zukunft ge­höre, so Bosshard, innovativen Städ­ten, die im internationalen Wettbewerb um die besten Talente eine möglichst grosse Anzie­hungskraft auf fitte Datenmanager und ­junge EDV-Experten ausüben.

Marta Kwiatkowski, ebenfalls vom GDI und Mitautorin der an der Tagung präsentierten Studie, zeichnete allerdings ein zwiespäl­tiges Bild der Innovationskraft Schweizer Städte: «Das etablierte ­Lebensgefühl führt zu einem bewahrenden Verhalten. Agglomerationen werden dynamischer als die Kernstädte, weil sie mehr Raum für Experimente bieten. Nicht selten wird die Innenstadt zu einer Art Freilichtmuseum.» Renate Amstutz, Direk­torin des Schweizerischen Städteverbands und über das Zentrum öffentlicher Raum (ZORA) indirekt Auftraggeberin der Studie, widersprach energisch: «Wir haben überdurchschnittliches Wachstum in den Städten. Sie bieten das richtige Amalgam an Vielfalt für Innovation.»

Moderieren, aber wie?

Zu reden gab auch die These, dass sich die Rolle der Stadtverwaltung vom Regulator zum Moderator wandle, während der Einfluss neuer digitaler Akteure wachse. Zum einen waren viele der 150 Teilnehmende der Ansicht, dass Stadtverwaltungen beides sein müssen: Regulatoren und Moderatoren. Zum anderen wies Landschaftsarchitekt Günther Vogt darauf hin, dass Stadtverwaltungen als Beteiligte schlecht selber Moderatoren sein können. Mit Blick auf den Sechseläutenplatz widersprach Vogt auch der These von Jacques Herzog, dass Schweizer keine Städter sein wollten. Anders als Vogt sieht die diskutierte Studie die Schweizer Städte jedoch ebenso in einer Sonder­rolle: «Es wird ein anderes Gefühl von Urbanität kultiviert, als dies in Paris oder Berlin der Fall ist.» Es herrsche die Sehnsucht nach einem dörflichen Idyll vor: «Wir suchen die Nähe von Gruppen, die uns ähnlich sind», so Studienautorin Kwiatkowski.

Der Trend, das gesellschaftlich Trennende zu betonen, wird laut Studie durch digitale Treiber weiter verstärkt. Neue Technologien wie Google Maps oder Augmented Reality fördern eine individualisierte Wahrnehmung des Raums, sodass eine zunehmend personalisierte Öffentlichkeit entstehe. Digitale Ins­trumente ermöglichen ausserdem neue Sicherheitskonzepte. Überwachung verschiebt sich mehr und mehr hin zur Auswertung von Daten, angefangen bei Kreditkarten und Geräten wie Smartphones. Technologische Entwicklungen sind das eine. Renate Amstutz verwies zu Recht darauf, dass es entscheidend ist, was wir gesellschaftlich wollen und wie sehr wir zum Beispiel das Sammeln von Daten zulassen.

Für die meisten Gäste stand ausser Frage, dass öffentliche Räume für verschiedene Gruppierungen zugänglich und einladend sein müssen und eine robuste Gestaltung zugleich Veränderbarkeit zulassen muss. Gefordert wurden daher weniger Reglementierung und mehr Mut, einen Platz für einmal einfach unangetastet zu lassen – und «mehr Mut zur Leere», wie es SIA-Präsident Stefan Cadosch formulierte.

Hier können Sie die Studie downloaden.

 

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