Basel als Testfall kluger Verdichtung

Berufspolitische Brisanz bestimmte die Konferenz ebenso wie stimulierende Referate zur trinationalen Raumentwicklung Basels und ­­der städtebaulichen Qualität durch Dichte.

Frank Peter Jäger Redaktor des SIA

Wo sind wir denn hier hingeraten? Ins Ruhrgebiet? Ist das Rotterdam? Mit fragenden Blicken halten die Delegierten der Sektionen und Berufsgruppen Ausschau nach dem Tagungsort inmitten des Basler Hafengebiets, laufen über buckeliges Pflaster vorbei an weiten Hafenbecken, Speichern und Silos und einem haushohen Portalkran, der sich majestätisch über den Altmetallbergen eines Schrottplatzes dreht – im Rheinhafen von Basel ist die Schweiz für einmal nicht pittoresk und perfekt, sondern schmutzig und rau. Zugleich ist der Hafen das Tor nach Europa und zum Meer und symbolisiert damit die ­Herausforderungen einer zukunftsfähigen Schweiz und insbesondere jene der Stadt Basel.

Der SIA hatte hierher eingeladen zur Konferenz der SIA-Berufsgruppen und Sektionen 2017, und der Ort passte bestens zum Thema der Tagung: Verdichtung. Basel wächst und prosperiert, 10 000 Einwohner und 19 000 Arbeits­plätze sind seit 2005 hinzugekommen, so Roger Reinauer, Kantons­ingenieur und Leiter des Basler Tiefbauamts, in seinem Referat. Die Lage an einem Knotenpunkt des ­europäischen Schienen- und Strassennetzes ist denkbar privilegiert.

Boomtown mit ­Platzmangel

Damit aus der Gunst der Lage kein Nadel­öhr wird, investiert Basel in ein länderübergreifendes S-Bahn-­System. Sternförmig führen sieben Strecken in die deutsche, französische und baselländische Umgebung des nur 37 Quadratkilometer grossen Kantons. Eine neue, gross­teils unter­irdisch geführte Ringstrecke soll das wachsende Verkehrs­aufkommen innerhalb der Stadt bewältigen (vgl. TEC21 28–29/2017). Bund und Kanton werden in den nächsten 15 Jahren 3,4 Mrd. Fr. in dieses System investieren. 830 000 Menschen leben in der Basler Agglomeration, verteilt auf drei Länder, gegenüber 171 000 in der Stadt selbst. Damit diese einmalige Situation nicht in planerisches Chaos mündet, koordiniert der Kanton mit den Partnern in Frankreich und Deutschland eine urbane Raumplanung, erläuterte Margot Meier, Präsidentin der Sektion Basel und Gastgeberin der Konferenz.

«Gemeinsam über Grenzen wachsen» lautet das Motto der transnationalen Raumentwicklung namens «3Land», deren Leuchtturmprojekte an der IBA Basel 2020 besichtigt werden können (vgl. www.espazium.ch/iba-basel-2020). Die anwesenden Planer der Stadt sowie des SIA Basel stellten erste Früchte der grenzüberschreitenden Planung und Innenentwicklung vor. Die Stadt am Rheinknie ist Kristallisationspunkt einer dynamischen Entwicklung, die ihr nur dann nützen wird, wenn es gelingt, diese sinnvoll zu steuern. Grosse Verkehrsströme, Wachstum und Wohnungsknappheit sind auf engstem Raum zu bewältigen; Wege zu qualitätsvoller Verdichtung sind gefragt.

ETH-Dozent Joris van Weze­mael sprach dementsprechend über «Innenentwicklung als ganzheitliche Aufgabe». Der Raumplaner appellierte an die Zuhörer, Bestandsverdichtung und Innenentwicklung nicht als isolierte Ziele zu betrachten, sondern als Anlass, neue Planungswerkzeuge zu erproben, und sich zugleich dem Umstand zu stellen, dass die Planung zunehmend komplexer werde. Die traditionellen Planungsprozedere gelte es zu hinterfragen, so van Wezemael. Und er betonte: «Qualität entsteht nicht trotz, sondern eben durch Dichte und Binnen­entwicklung.»

Qualität durch Dichte

Wie und wo dies in der Stadt Basel geschieht, erläuterte wenig später Kantonsbaumeister Beat Aeberhard. Der Hochbauverantwortliche von Kanton und Stadt verdeutlichte, dass die lediglich 24 Quadratkilometer überbauten Gebiets des Kantons selbst kleinen und mittelgrossen Potenzialflächen hohe Bedeutung geben. Derzeit plane Basel für frei werdende Industrieflächen in Klybeck (Kleinbasel) und St. Johann. Bei den Gästen aus den Berufsgruppen und Sektionen, die den Impulsvorträgen des Vormittags aufmerksam gefolgt waren, bestand kein Zweifel: Der Kanton Basel ist der Thinktank der Verdichtung in der Schweiz.

Der Nachmittag gehörte den vereinspolitischen Themen. SIA-Präsident Stefan Cadosch erläuterte den Mitgliedern die Beweggründe und Konsequenzen des vom SIA-Vorstand beschlossenen Ausstiegs aus dem Zukunftsprojekt «Die Schweiz 2050». Nachdem schon sicher geglaubte Finanzierungen des Bundes einem Sparprogramm zum Opfer gefallen waren, habe sich der Vorstand schweren Herzens zum Projektstopp entschlossen – nicht zuletzt, um den Verein vor den negativen finanziellen Folgen zu bewahren (vgl. «Projektstopp mit einem grossen Aber»).

Cadosch betonte jedoch, die Idee des Projekts sei damit keineswegs obsolet: «Der SIA muss und will sich mit der Zukunft dieses Landes und Wegen der zukunftsfähigen Planung auseinandersetzen.» Das Treffen am Monte Verità, 2016 als «Sounding Board», also als Beratungsgremium des Projekts eingeführt, werde daher beibehalten. Zudem halte der SIA Ausschau nach Möglichkeiten, das Projekt «Die Schweiz 2050» in veränderter Form fortzusetzen.

Mit Blick auf die laufende Auseinandersetzung mit der Wett­bewerbskommission des Bundes (Weko) (vgl. SIA-Newsletter vom 1. 11. 2017) über die LHO und einzelne Wegeleitungen zu Wettbewerben und Studienaufträgen (142i-101 und 142i-401) betonte Cadosch, für den SIA sei es nahezu alterna­tivlos, auf die Weko-Forderung nach Überarbei­tung der SIA-Instrumente einzugehen. Eine möglicherweise hohe Busse sowie ein langwieriges und teures Verfahren mit eher geringen Erfolgsaussichten bedeuteten ein existenzielles Risiko. Der Verein strebt nun eine Überarbeitung der monierten LHO-Bestandteile an und sucht die Abstimmung mit der Weko.
 

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