16. Architekturbiennale Venedig: «Freespace»

Editorial

Judit Solt Fachjournalistin BR, Chefredaktorin TEC21

Danielle Fischer Architektur, Redaktorin TEC21

Hella Schindel Architektur, Redaktorin TEC21

Vor 18 Jahren lautete das Motto der Architekturbiennale Venedig «Città: Less aesthetics, more ethics». Der damalige Kurator Massimiliano Fuksas wollte «den Faden wieder aufnehmen, der Ende der 1970er-Jahre gerissen war», und die Utopien von 1968 sowie Offenheit, kritisches Denken und Zukunftsforschung wieder in den Fokus rücken. Fuksas rief die Architekturschaffenden auf, ihre schöngeistige Selbstbezogenheit aufzugeben, politisch zu agieren und für die Realität des Bauens Verantwortung zu übernehmen – eine Realität, die bereits im Jahr 2000 nichts anderes hiess als Ökonomisierung, globale Bevölkerungsexplosion, Krieg, Armut, Flüchtlingsströme, Umweltzerstörung und Megacitys.
Die Biennale enttäuschte. Nur wenige der eingeladenen Gäste gingen auf das Thema ein; die meisten präsentierten die übliche selbstverliebte Werkschau. Trotzdem löste Fuksas ein Umdenken aus. Persönlichkeiten wie Rem Koolhaas (2014) und Alejandro Aravena (2016) hinterfragten die gesellschaftliche Rolle der Architektur kritisch und scheuten sich nicht, die Ausstellung streng zu kuratieren (vgl. TEC21 30–31/2014 und 29–30/2016).
Im Kontext dieser Entwicklung markiert die diesjährige Schau eine erneute Kehrtwendung. Die Kuratorinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara interpretierten ihr Motto «Freespace» konsequent aus der Sicht der Gestaltung, der künstlerischen Freiheit, des schönen Objekts und des sinnlichen Materials – der Ästhetik eben. Die internationalen Gäste nahmen die Einladung nur allzu gern an und präsentieren mehrheitlich wieder perfekte, selbstgefällige, harmlose Installationen. Zum Glück gibt es auch heuer einige Ausnahmen …

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